Herausgeputzt herumhängen – Warum Loungewear für Plus Sizes die falsche Stylingfrage ist. Diesem mehr oder weniger weihnachtlichen Thema gehe ich heute nach. Im wahrscheinlich letzten Artikel des Jahres 2020 erzähle ich euch, warum ich mich gegen Loungewear unter der Weihnachtstanne entschieden habe. Dazu sei gesagt, dass das nicht nur etwas damit zu tun hat, dass ich mir persönlich mit dem Trainingsanzug schwer tue. Ein Trauma des Kindes der 1980er Jahre. Vielmehr habe ich als Plus Size im Laufe des Lebens eines gelernt: Cool & Lässig im Trainingsanzug, das gilt nicht für dicke Menschen. Denn ein dicker Mensch in bequemen Hausanzügen ist nicht cool, sondern das fleischgewordene Klischee.

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Herausgeputzt herumhängen

So kommt es, dass ich mich an Weihnachten gerne herausgeputzt zeige, mich schick mache. Das passt für mich zum Anlass. Denn Weihnachten ist etwas Besonderes für mich, immer schon gewesen. Zum Fest feiern gehört ein schickes Outfit einfach dazu. Auch wenn es in diesem Jahr – in Corona-Zeiten – weniger ausgelassen und mit mehr Abstand passiert ist, Weihnachten wurde dennoch sehr festlich begangen. Deshalb rein in den Glitzerfummel, roter Lippenstift dazu und schon war ich bereit zum festlichen Geschenkereigen.

Doch mich so zurecht zu machen ist für mich nicht nur eine Frage des Anlasses. Einerseits wurde zu Hause immer viel Wert darauf gelegt, dass wir uns dem Anlass entsprechend verhalten, da gehört auch das entsprechende Outfit dazu. Andererseits habe ich als dicke Frau, bzw. schon als dickes Mädchen, mitbekommen, dass Trainingsanzüge, Hausanzüge, Loungewear, an dicken Körpern nicht als cool gesehen werden. Vielmehr galt es als Standarduniform für Mehrgewichtige. Als modischer Ausdruck eines großen Klischees. Der dicke Mensch, der sich gehen lässt, der faul ist und schlampig.

Der dicke Mensch im Hausanzug – ein Klischee

Richtig, das hat alles so gar nichts mit cool zu tun. Kein lässiger Mensch mit dickem Körper, sondern eine Person, die sich und ihr Styling, vielmehr ihr Leben, aufgegeben hat. Dieses Vorurteil ist immer noch aktuell. Denn nur, weil Loungewear zur Zeit in ist heißt das nicht, dass der mehrgewichtige Mensch den gleichen Stylingregeln unterworfen ist, wie der schlanke Teil der Gesellschaft. Ein Beispiel: oversized, ein Trend der sich modisch immer wieder aufs neue manifestiert. Weit geschnittene Pullover, Jacken, Kleider oder auch Shirts.

Wir sprechen also von Kleidung, die Konturen versteckt, bzw. die “unförmiger” erscheinen lässt. Dabei ist dieser ganz bewusst eingesetzte modische Stil etwas, das viele dicke Menschen verinnerlicht haben. Doch nicht um stylisch zu sein, sondern um den eigenen dicken Körper zu verstecken. Das hat nicht unbedingt etwas cooles, sondern ist vielmehr eine Taktik um das eigenen Volumen zu verschleiern. Dass dies mehr oder weniger gelingt sei einmal dahingestellt. Darüberhinaus ist es natürlich eine Frage des persönlichen Geschmackes oder Stils.

Doch es ist eben auch ein Beispiel dafür, dass Modetrends nicht für jeden Körper gleich “gelten” bzw. gleich gesehen werden. Hier ist Loungewear ein besonders gutes Beispiel. Denn dicke Menschen in weiten, bequemen Haus- oder Trainingsanzügen gelten selten als Stylingtestemonials.

Styling, eine Frage der Möglichkeit

Vielmehr werden eben solche Bilder benützt um zu zeigen, dass dicke Menschen faul sind, sich keine Mühe geben. Natürlich sind das Vorurteile. Denn ganz klar darf jede/r tragen was ihr / ihm gefällt. Dies gilt natürlich auch für Loungewear. Dennoch möchte ich an dieser Stelle auch auf etwas aufmerksam machen, das viel zu oft unter den Tisch fällt bzw. öffentlich nicht besprochen wird. Denn während in der Öffentlichkeit die Mehrgewichtigkeit von Menschen oft nur als Gesundheitsrisiko gilt, bringt sie viele alltägliche Hürden mit sich. Besonders auch im modischen Alltag.

Denn die Auswahl an Kleidung ist oft stark eingeschränkt. So finden Frauen jenseits der Kleidergrößen 48/50 selten passende, nun zumindest vielfältige, Kleidung für ihre Größe. Wobei 48/50 natürlich schon eine deutliche Verbesserung darstellt. Denn auch Plus Size Mode wird vielfältiger. Nichts desto trotz ist es ab einer gewissen Größenzahl immer noch deutlich schwieriger modisch Befriedigung zu finden. Denn für uns wird offline kaum etwas angeboten. Auch online ist die Auswahl eingeschränkter (was auch mit Liefermöglichkeiten etc. zu tun hat). Denn vor allem im europäischen bzw. deutschsprachigen Raum hat sich diverse / modische Kleidung von Größe 52 aufwärts noch nicht durchgesetzt.

So bleibt vielen Menschen oft nur der Griff zum Bequemen bzw. einig möglichen. Das hat nichts mit modischen Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zu tun. Vielmehr ist es Zeichen des Mangels an Bekleidungs-Möglichkeiten.

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Hyperfeminität

Dabei fällt die Wahl dann auf Bequemes oder Legeres, auf Kleidung die eher dem Loungewear-Gedanken entspricht. Dies mag für einige genau ihrem Geschmack entsprechen, ist für Viele aber einfach eine Frage der Möglichkeit. Dieser Artikel ist kein Bashing eines legeren Kleidungsstils!!! Das ist mir an dieser Stelle ganz wichtig zu erwähnen. Denn Geschmäcker sind total verschieden. Doch es ist unbestreitbar, dass es dicken Menschen schwer gemacht wird sich modisch auszudrücken.

Darüber hinaus gelten verschiedene Standards für dünne und dicke Menschen. Es gibt eine Plus Size Influencer, die diese Standards hinterfragen, die Loungewear und oversized Outfits lässig stylen und dabei so unheimlich cool aussehen. Doch auch sie sehen sich immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. An dieser Stelle möchte ich den Begriff der Hyperfeminität ins Spiel bringen. Ein Begriff mit dem ich selbst noch vor wenigen Jahren nicht wirklich etwas anfangen konnte. Denn wo bitte ist das Problem, wenn ich mich als dicke Frau körperbetont, sehr schick, gestyled zeige. Meine Weiblichkeit betone.

Werden mir Attribute wie “sexy” gesellschaftlich ja ohnehin vorenthalten. Denn der dicke Körper hat für die Öffentlichkeit nichts Attraktives. Doch habe ich dabei den Druck als dicke Frau besonders gepflegt und schick auszusehen nicht hinterfragt. So strenge ich mich besonders an, um ja nicht als faul zu gelten. Genau diesem Klischee zu widersprechen galt lange mein Anstrengung.

*“The level of femininity fat girls have to perform to not be seen as ugly or weird is phenomenal.” Plus size style and beauty blogger Stephanie Yeboah

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Der glamouröse dicke Körper – ein Einhorn

So konnte ich oversized und Co. lange nichts abgewinnen. Hatte ich doch zu sehr darum gekämpft die Konturen meines Körpers zu zeigen. Ein Kampf, den ich sowohl mit mir als auch mit der Gesellschaft ausgetragen habe. Wobei, mit der Gesellschaft kämpfe ich diesbezüglich noch immer ;).

Als Gegenstatement zum Vorurteil habe ich so Abstand zu so manchem modischen Statement genommen.  Ich habe mich damit selbst nicht nur des modischen Ausdrucks beraubt. Denn weit geschnittene Mäntel zu boykottieren, nur um einem Vorurteil zu widersprechen ist nicht Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Vielmehr hat es mir einmal mehr gezeigt, wie sehr ich mich dem gesellschaftlichen Diktat unterworfen habe. Erst in den letzten Jahren und auch dank des Einflusses von Influencerinnen wie z.B. Missannastomosis  habe ich gelernt nicht auf die gesellschaftliche Norm, sondern auf meine eigene Stimme zu achten.

Dennoch, obwohl der Druck als dicke Frau besonders gepflegt zu sein um Vorurteilen entgegenzutreten groß ist wird der dicke Körper nicht als zum Glamour fähig gesehen. All unsere modischen Bemühungen dienen also teilweise nur dazu, um in der Öffentlichkeit nicht als Dauerklischee zu gelten. Glamouröse Stylingvorbilder sind wir deshalb noch lange nicht.

Keine Loungewear unterm Weihnachtsbaum

Zugegeben tue ich mir schwer mit dem Legeren. Zu gerne mag ich es auch modisch dramatisch und mondän. Auch deshalb trage ich keine Loungewear unterm Weihnachtsbaum. Sondern hänge eher herausgeputzt unter der ebenso geschmückten Weihnachtstanne herum, Da ist auch gar nichts dagegen einzuwenden. Denn zum Glück sind modische Geschmäcker vielfältig und unterschiedlich.

Das es da draußen allerdings einige sehr stylische, glamouröse oder auch lässig, coole Plus Size Menschen gibt ist allerdings ein Fakt, jetzt müssen nur noch tonangebende Mainstreammedien davon überzeugt werden, dass eine Frau in Kleidergröße 50+ sehr wohl aufs Magazincover kann. Bleibt also nur noch die Gesundheitsdebatte, die Antidiskriminierungsfrage, der faire Zugang zum Arbeitsmarkt, das Abschaffen der Ungleichbehandlung von dicken Menschen und und und…na wir haben auch 2021 noch jede Menge Arbeit vor uns….

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*https://www.dazeddigital.com/fashion/article/36805/1/why-is-hyperfemininity-expected-of-fat-women-opinion – Zitat entnommen