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Plus Size auf dem Cover der britischen Ausgabe der Cosmopolitan. Noch dazu mit dem Attribut Gesundheit versehen. Hier braucht es nicht mehr um für Diskussionsstoff zu sorgen. Allerdings sollten wir über viel mehr diskutieren als nur darüber, ob dicke Menschen gesund sein können. Diese Diskussion ist viel zur kurz gegriffen. So ist die öffentliche Debatte über Health at every Size nicht nur einseitig (es geht auch nicht nur um Plus Sizes), sondern es wird auch viel zu wenig über die fehlende Courage der Mainstream Medien gesprochen. Denn was dicke Menschen betrifft, sind Traditionsmedien noch lange nicht im 21. Jahrhundert angekommen.

 

 

 

 

 

Plus Size auf dem Cover

Dabei ist das Cover der aktuellen Ausgabe der britischen Cosmopolitan nicht das Erste mit dicken Menschen auf dem Titelblatt. Wobei es hier nicht nur um dicke Menschen geht, sondern um Vielfalt, vielfältige Gesundheit. Allerdings stehen vor allem die dicken Körper im Kreuzfeuer der Kritik. Da werden schnell kritische Ausrufe wie “wollen die fette Menschen töten?” laut.

Denn Angesichts der vermeintlichen schwereren Covid-Krankheitsverläufe bei mehrgewichtigen Menschen sorgen sich anscheinend viele, dass wir durch positive Berichterstattung dicken Körpern gegenüber mehr schaden nehmen könnten. Wohlgemerkt gibt es für diese Annahmen keine ausreichenden medizinischen Daten.

Wobei Plus Size nicht das erste Mal am Cover der Cosmopolitan zu finden ist. So zierte bereits Tess Holliday im Oktober 2018 das Titelbild des Magazins. Hier findet ihr einen Artikel zum Thema. Schon damals war die Aufregung groß. Denn dicke Menschen so zu “glorifizieren”, dem dicken Körper einen derartig positiven Anstrich zu geben, so etwas geht doch nicht. Treibt es doch Menschen immer weiter in die irrige Annahme, dass ihre dicken Körper krank und ungesund sind.

Eine heikle Debatte. Denn eigentlich geht es doch um soviel mehr als schwarz/weiß Denken was das Thema Gesundheit und auch was dicke Körper betrifft.

https://www.instagram.com/p/CJgIRtOLhvP/

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Gesundheit & Wertigkeit

Denn Gesundheit ist ein vielfältiges Thema. Ja, ich weiß, das ist allgemein keine sehr populäre Aussage. Denn ich hinterfrage hier medizinische Normen bzw. seit Jahrzehnte wenig veränderte Standards. Allerdings bin ich da bei Weitem nicht die Erste und auch nicht die Einzige. Hier könnte jetzt eine seitenlange Abhandlung über Gesundheitsstandards und dicke Menschen folgen. Vielleicht wird so ein Artikel auch einmal entstehen, allerdings nicht hier und nicht heute.

An dieser Stelle stellt sich mir vielmehr die Frage nach Wertigkeit, nach Wertschätzung. Eigentlich, um ganz ehrlich zu sein, frage ich mich wenn es um die Bewertung dicker Körper geht viel eher, ob die Menschheit noch ganz bei Sinnen ist. Das ist allerdings nicht sehr objektiv ;). Die Wertigkeit von dicken Körpern ist in der Öffentlichkeit mehr als nur als gering zu verstehen. Ungesund, unattraktiv, unmöglich. Da ist es wenig verwunderlich, dass der Gedanke, die Vorstellung, dass dicke, mehrgewichtige Menschen sich in ihrem Körper wohlfühlen bzw. sich fit und gesund fühlen, für viele unmöglich scheint.

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Totschlagargument Gesundheit

Warum ist unsere Gesundheit eigentlich von so allgemeinem Interesse? Ist sie doch eigentlich gar nicht. Es geht nicht um Sorge um uns und unsere Körper. Nein, vielmehr ist es das Totschlagargument in der öffentlichen Diskussion wenn es um die Akzeptanz dicker Menschen geht. So werden Gespräche über Toleranz und Antidiskriminierung im Keim erstickt.

Hinterfragt werden medizinische Konzepte dabei nicht. Auch neuere Studien, die das traditionelle Bild des kranken dicken Körpers in Frage stellen, werden kaum öffentlich zitiert bzw. diskutiert. Vielmehr wird dem ungesunden mehrgewichtigen Menschen vor allem auch in Bezug auf Covid ein weiteres Grab geschaufelt.

So wird es uns auch schwer gemacht, uns mit unseren Körpern so auseinanderzusetzen, dass wir uns etwas Gutes tun, wir uns mögen. Hass, Scham und auch psychologische Probleme sind hier die Folge. Verhalten, das erst recht krank macht.

Dabei soll das Cover der aktuellen Cosmopolitan UK und der dazugehörige Artikel eigentlich das Gegenteil bewirken. Ansichten verändern, Dinge hinterfragen, Mut machen und etwas Positives bewirken.

https://www.instagram.com/p/CJipK3WBkHV/

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Die loose-lose Situation

“Plus-size people often feel like they can’t be part of the wellness space. We are trolled for being fat, then can feel excluded from exercise because our bodies don’t fit the narrative.”* Callie Thorpe, Plus Size Influencerin

Callie Thorpe spricht in ihrem Interview einen wichtigen Punkt an. Nämlich die Benachteiligung dicker Körper. Oft nehmen wir als mehrgewichtige Menschen eine doppelte unmögliche Position ein. Einerseits werden wir für unsere dicken Körper kritisiert, andererseits wird uns auch der Zugang zu Sportmöglichkeiten etc. erschwert. Das fängt nicht erst bei abwertenden Blicken und geringschätziger Behandlung in Fitnesscentern an, sondern schon beim Kauf von Sportbekleidung. Auch diese “Du machst Sport? Wie kannst du dann dick sein?”, Kommentare sind wenig hilfreich und zeigen wo überall Vorurteile auftreten.

So ist es öffentlich verpönter als dicker Mensch Sport zu machen und dabei dick zu bleiben, als “einfach” auf eine Diät zu setzen. Einfach in Anführungszeichen, denn einfach ist an einer Diät gar nichts. Gesund ist sie noch viel weniger.

Health at every size

Neben Callie Thorpe kommt in der UK-Ausgabe der Cosmopolitan auch Jessamyn Stanley zu Wort. Jessamyn ist eine dicke Yogalehrerin & Buchautorin. Bekannt wurde sie nicht nur weil sie dicke Menschen dazu animiert Yoga zu machen, sondern auch weil sie Körpernormen in Frage stellt.

Jessamyn ist eine von vielen AktivistInnen, die für die “Health at every size” Bewegung stehen. Was genau bedeutet das? Health at very size geht davon aus, dass ein höheres Körpergewicht nicht zu negativen Gesundheitseffekten führen muss. Ein gewichtsneutraler Ansatz, der körperliche Vielfalt akzeptiert und keinerlei Gewicht schlecht macht. Darüber hinaus geht die Bewegung davon aus, dass traditionelle Ansätze wie die Gewichtsreduktion, das Durchführen von Diäten nicht zu positiven Gesundheitseffekten führen. Vielmehr geht es um ein ganzheitliches Konzept, das zu mehr wohlbefinden führen soll und das individuelle körperliche, emotionale, sozialen, spirituelle und wirtschaftliche Bedürfnisse berücksichtigt.

Während die positiven Effekte von Bewegung und nahrhaftem Essen (intuitive Ernährung, genussvolles Essen) nicht in Frage gestellt werden, geht Health at every size aber davon aus, dass dies nicht zwingend mit Gewichtsreduktion einher gehen muss. Gesundheit sei vielmehr eine gewisse Verhaltensweise, ganz unabhängig von Gewichtsverlust. Dabei werden auch individuelle körperliche Bedürfnisse und Möglichkeiten berücksichtigt.**

Ein Konzept des Wohlbefindens und Einklang mit dem eigenen Körper also, das von traditionellen Denkmustern abweicht und darüber hinaus auch sozio-ökonomische Aspekte und körperliche Individualität berücksichtig. Eine neue Art der Definition von Gesundheit.

Diskriminierung leicht gemacht

Doch was auch immer man von neuen Gesundheitskonzepten und traditionellen Definitionen halten mag, eines wird in der öffentliche Debatte nicht bis kaum berücksichtig. Die Diskriminierung dicker Körper. Das zeigen auch die Kommentare auf Twitter, Instagram, Facebook und Co unter dem aktuellen Cosmopolitan-Artikel. Dabei wird nicht nur beleidigt, sondern dicken Menschen wird auch Würde und das Recht auf den individuellen Umgang mit dem eigenen Körper abgesprochen.

Vielmehr wird bevormundet. Es wird automatisch davon ausgegangen, dass sich die interviewten dicken Frauen nur etwas vormachen, dass dick und gesund unmöglich ist. Ohne zu berücksichtigen, dass Körper und Menschen nur einmal unterschiedlich sind. Die Bevormundung des dicken Körpers ist leider nichts Neues. Dennoch macht es mich immer wieder wütend und erstaunt mich. Denn wie kommen wir eigentlich dazu diese Anmassungen über uns ergehen lassen zu müssen. Wie kann es sein, dass sich Menschen das Recht heraus nehmen das körperliches Befinden eines mehrgewichtigen Menschen zu diskutieren?

Callie und Jessamyn geraten ins Kreuzfeuer der Kritik, werden bevormundet, beleidigt, beschimpft und noch viel schlimmer: viele glauben dies auch einfach so tun zu dürfen. Denn wer dick ist, der hat sich das anzuhören. Ganz á la “willst du nicht mehr diskriminiert und beleidigt werden, dann nimm ab und alles ist gut.” Das Wesen der Diskriminierung ist doch auch, dass die die diskriminieren das nicht bemerken oder aber ignorieren.

Mainstream Medien und die fehlende Courage

Um diese Art der Körperdiskriminierung deutlich zu machen muss die Diskussion aber viel öffentlicher geführt werden. Traditionellen Medien kommt hier meiner Meinung nach eine ebenso wichtige Rolle zu. Denn während auf Social Media Plus Size, Fatacceptance und HAES bereits diskutiert werden, haben Mainstreammedien diese Diskussion noch nicht für sich entdeckt.

Ich unterstelle hier einmal ganz frech fehlende Courage oder aber auch Ignoranz. Eine dicke Person, Plus Size auf dem Cover eines Magazins ist für viele HerausgeberInnen ein Schreckgespenst. Kann es doch zu Kritik und Diskussionen führen. Doch diese Diskussionen gehören geführt und zwar nicht einfach so, dass der dicke Mensch mit Schimpf und Schande aus der Öffentlichkeit und den Medien vertrieben wird. Sondern mit Respekt und guter Moderation.

Es geht darum Vorurteile aufzubrechen, Ungerechtigkeiten anzusprechen und der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Denn wenn die Beschimpfung, ja sogar die Bedrohung mit dem Tod bei dicken AktivistInnen, Plus Size InfluencerInnen, AnhängerInnen der Fatacceptance als normal angesehen wird, dann zeichnet das kein schönes Bild der Gesellschaft. Das sollte uns allen klar sein.

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*Callie Thorpe, Plus Size Influencerin: https://www.cosmopolitan.com/uk/body/a34915032/women-bodies-wellness-healthy-different-shape-size/

**https://en.wikipedia.org/wiki/Health_at_Every_Size