Warum “Fettleibigkeitsverherrlichung” nicht existiert – Eine Kolumne im neuen Curvy-Magazin erklärt Tess Holiday als Plus-Size-Rolemodel für ungeeignet (siehe Teil 1).

In den Kommentaren zum „Warum Tess Holiday kein Vorbild ist“ führt Autorin Susanne Ackstaller weiter aus: „Ich will Dicke (bin ja selber eine!) nicht kritisieren! Aber ich bin gegen Verherrlichung. Und diese Tendenz vermeinte ich in letzter Zeit zu verspüren.“

Warum “Fettleibigkeitsverherrlichung” nicht existiert

Das Argument von wegen „man darf Fettleibigkeit nicht verharmlosen/verherrlichen“, begegnet mir in den letzten Jahren immer wieder. Aber stimmt es? Ich wage zu behaupten: nein. Von den Titelblättern diverser Frauenzeitschriften kreischen nach wie vor Abnehmversprechen. In ihrem Inneren kämpfen medizinisch geschulte Fettabsauger, Grünkohlsmoothies und Diätjoghurt um die Anzeigenplätze.

Wenn fett der Trend der Stunde wäre, müssten die Anzeigenkunden nicht Schmalzbrotfirmen und hochkalorische Schokoobers-Shakes sein, Auffettungs-Joghurts und „plump in drei Wochen“-Antidiätriegel mit Tess Holiday als Testimonial? Wenn „fett (und faul, die Kombination hört man oft) der neue Trend“ ist, wo sind die Zunehm-Coaches, die unzähligen Supersize-Modelabels, die Lazyness-Center, die Biggest Gainer-Fernsehshows?

Das Bild der dicken Menschen

Die Autorin verbreitet in ihrer Kolumne oft gehörte und gelesene Panik, ohne sich zu fragen, wo ihr „Eindruck von der steigenden Fettverherrlichung kommt“. Ich denke, dass ich es ihr beantworten kann. Das Bild der dicken bzw. sehr dicken Menschen ändert sich. Minimal und schneckenlangsam, aber doch. Neben den üblichen Klischees – schrille Ulknudel, Harz 4-Opfer, schwitzend-heulender Biggest Loser-Schlaffi, deprimiertes Vorher-Bild, sexgeiler, plumper Freak, sexlose beste Freundin und so weiter – finden zumindest ab und an etwas positivere Darstellung den Weg in den Mainstream. Vor allem dank der unermüdlichen Arbeit von Bodypositivity-AktivistInnen wie Tess Holiday, Jes Baker, Virgie Tovar und anderen.

Das macht aber ganz offenbar ziemlich viele Menschen ziemlich nervös. Sie reagieren mit concern trolling, das heißt mit falscher Sorge um die Gesundheit der dicken Individuen bzw der Gesellschaft. Ein ganz besonders perfider Vorwurf: dicke Menschen positiv darzustellen, fördere automatisch die Verherrlichung der Fettleibigkeit und damit Krankheit und frühen Tod und den Untergang der Krankenkassen und überhaupt.

Die unangebrachte Angst vor Verharmlosung

Die Ängste dahinter: wenn nicht permanent von der Geißel des Übergewichts gewarnt wird, lassen Menschen „sich gehen“. Wissenschaftlich lässt sich diese These allerdings nicht belegen. Auch wenn ab und an Junk-Studien auftauchen, die versuchen, einen Zusammenhang zwischen Plus-Models und Gewichtszunahme herzustellen. Ein Blick in die Geschichte reicht, um das zu widerlegen. Die Menschheit wird tatsächlich dicker.

Allerdings begann der steile Anstieg der Gewichtskurve bereits in den sechziger und siebziger Jahren, über die genauen Gründe streitet man noch. Plusmodels und –bloggerinnen und andere Influencerinnen sind aber ein relativ neues Phänomen, dass es seit zehn, fünfzehn Jahren gibt. Abgesehen davon, dass positive Darstellung dicker Menschen nur einen Bruchteil aller Bilder darstellt, mit denen ein Mensch heutzutage überflutet wird.

Models und das Thema Essstörungen

Vielleicht basiert das „Plus Size Models machen Menschen dick“-Argument auch auf einer Umkehrung der Tatsache, dass es tatsächlich Zusammenhänge zwischen schlanken bis sehr schlanken Modelvorbildern und Essstörungen zu geben scheint (siehe die Kontroverse um Heidi Klums Model-Show). Von „der Anblick dünner Models könnte zu Bulimie/Anorexie und anderen Problemen führen“ zu „dicke Models machen ergo Frauen fett“ zu schließen, halte ich aber für sehr problematisch, vor allem, da das Schlanksein in unserer Gesellschaft nach wie vor begehrt, dick zu sein aber mit Stigmata behaftet ist.

Ich jedenfalls kenne keinen einzigen üppigen bis runden Menschen, der ein fettes Vorbild gesehen hat und sich gedacht hat: Heißa, ab ins Fastfoodlokal, ab heute wird zugenommen! Der Grund für mein persönliches Gewicht ist eine Kombination aus Diäten in der Vor- und Frühpubertät, Essstörungen, PCOS, Depressionen, Mobbing und Stress.

Ich wage auch zu wetten, Frau Ackstallers eigenes Gewicht kommt eher nicht davon, dass in ihrer Kindheit plumpe Prinzessinnen vom Vogue-Cover grinsten. Selbstreflektion hatte im Text und in ihren Kommentaren aber keinen Platz, und das finde ich schade.

Fazit

Fazit: Tess Holiday ist auch wegen ihres Gewichts berühmt. Aber nicht, weil es so etwas vermeintlich Tolles ist. Sondern, weil sie hilft, sehr dicke Menschen sichtbar zu machen. Und ihnen so mehr Selbstbewusstsein gibt, in einer Welt, in der sie ständig fertig gemacht werden – nicht nur von dünnen Hatern, sonder leider auch von anderen Dicken.

Was nicht gegen Stress hilft? Dicke Menschen schon wieder zu kritisieren und unter Druck zu setzen.
Was gegen Stress hilft? Selbstliebe und Selbstbewusstsein.

Was vielen Frauen in ihrem Kampf um Selbstwert und Akzeptanz hilft? Repräsentanz und Sichtbarkeit, sprich fette Models wie Tess. Ein Grund, warum Tess Holiday am Cover eigentlich die Gesundheit fördert.

 

Über die Autorin

Rhea Krcmarova persönlich © Margit
Marnul

Rhea Krčmářová (Krtsch-mar-scho-wa) wurde in Prag geboren und emigrierte mit ihrer Familie aus der ČSSR nach Österreich. Nach fünf Jahren als Staatenlose erhielt sie die österreichische Staatsbürgerschaft. Sie studierte u.a. Theaterwissenschaften, Gesang, Schauspiel und ist Absolventin des Instituts für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Ihre Texte wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, u.a.: Literaturpreis Wartholz (Land NÖ). Sie veröffentlichte in diversen Anthologien, schreibt Theatertexte, Libretti, Essays und Lyrik und experimentiert mit transmedialer Kunst und Buchkunst. Ihr erster Roman “Venus in echt”  erschien 2013 im Verlag edition a, Wien. Im Fokus steht dabei die dicke Protagonistin Romy Morgenstern.