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Biene Maja ist jetzt dünn. Sie ist nicht mehr rundlich und hat rote Bäckchen. Sie ist schlank. Warum das so ist? Angeblich, um der Biene und ihrem Freund Willie einen neuen Anstrich zugeben. Mehr Frische. Der ZDF, der die neuen Folgen in Auftrag gegeben hat, spricht davon, dass die Serie an die “geänderten Dynamiken heutiger Sehgewohnheiten angepasst” wurde. So ist die neue Maja also ein Abbild unserer Zeit. Doch was lernen Kinder daraus?

Hiermit starten wir in ein Spezialthema, das uns die nächsten Wochen immer wieder auf Curvect begleiten wird: Selbstwert, Selbstliebe und Körperakzeptanz.

Biene Maja ist jetzt dünn

“Bist du dick?”, fragte mich das kleine Mädchen und betrachtete mich vom Beckenrand aus. Ich zog gerade meine Bahnen durch den Pool und wäre vor Schreck fast untergegangen, habe ich die Kleine doch nicht kommen gehört. Meine Antwort kam damals ohne zögern, klar und deutlich: JA. Das kleine Mädchen lief wieder zu seinen Eltern, die bereits schallend lachten. Ist ja auch witzig die Frage, fragt sich nur für wen.

Jedenfalls habe ich das kleine Mädchen bis heute nicht vergessen. Sie wird etwa drei Jahre alt gewesen sein. Ich war selbst noch recht jung, habe mich aber damals schon darüber gewundert, wie eine Dreijährige auf so eine Frage kommt. Denn wenn ich mich an meine Kindheit erinnere und überlege, wann mir das erste mal bewusst war, dass ich dick bin, dann war das sicher nicht mit Drei. So richtig hat das erst in der Volksschule begonnen.

Als sich Eltern von Mitschülern in meiner Gegenwart über mein Gewicht unterhielten und prompt konnte ich mir am nächsten Tag von meinen Klassenkameraden blöde Bemerkungen anhören. Danach ging es für mein Gefühl offiziell los, dass Leben als dicker Mensch im Auge der Öffentlichkeit. Ich muss etwa sechs Jahre alt gewesen sein.

In meiner Kindheit gab es übrigens noch diese dicken Zeichentrickfiguren. Eine rundliche Biene Maja, den dicken Willie oder auch Heidi mit roten Bäckchen und stämmigen Beinen. Ich selbst dachte mir nichts dabei, fühlte mich nur wohl in dieser Welt aus lustigen Bienen und Almen. Als Kind dachte ich nicht darüber nach, ob dick sein gut ist oder böse. Ich wurde geliebt und nicht kritisiert. Jedenfalls innerhalb meiner Familie.

Vom Verdammen…

Allerdings ist das öffentliche Auge ein anderes. Das ist meist weniger wohlwollend und liebevoll dicken Menschen gegenüber und wesentlich kritischer. Dick sein ist gesellschaftlich verpönt. So sollte es uns eigentlich nicht wundern, dass sich das bereits in den Kinderzimmern dieser Welt zeigt und ebenso im TV. Dicke Zeichentrickfiguren sind passe auch dicke Körpern werden öffentlich kaum und wenn in einem negativen Zusammenhang gezeigt.

..Das spielerische Kennenlernen des dicken Körpers ist Kindern daher nur dort möglich, wo Eltern  oder Einrichtungen gezielt entsprechende Produkte anschaffen – so sie denn überhaupt erhältlich sind. Denn immer mehr Kinderfiguren, die bisher nicht dem schlanken Standard entsprachen, werden einer Überarbeitung unterzogen. Natalie Rosenke*

Was für dicke Comic- und Zeichentrickfiguren gilt, gilt übrigens auch für die restliche Filmindustrie und dicke Heldinnen / Helden. So darf die Heldin / der Held nicht dick sein. Ein dicker Bauch oder große Oberarme und ein breites Becken passen anscheinend nicht zum Heroismus. Oder aber der dicke Held ist zwar ein netter Typ, aber nicht wirklich sexy und betörend, wie etwa Obelix.

Der dicke Gallier, der als Kind in den Zaubertrank gefallen ist. Zwar ein lieber Kerl, aber auch reichlich doof. Schlau, schön und dick ist medial nicht wirklich vorgesehen.

…und Verdrängen

Als würde es, wenn dicke Menschen im TV mit heldenhaften Tugenden, oder einfach nur positiven Emotionen und Fähigkeiten gezeigt würden, zum Anstieg der von einigen Politikern, Medien und der WHO (Weltgesundheitsorganisaiton) als “Adipositas Epidemie” bezeichneten Entwicklung weltweit beitragen.

Indem wir also dicke Menschen öffentlich nicht, oder nicht positiv, zeigen, verhindern wir, dass es mehr dicke Menschen gibt? Indem wir dick sein  bereits aus den Kinderzimmern dieser Welt verdammen und verdrängen werden Menschen also weniger dick?

Dicke Comics machen dick?

Vorbildwirkung will ich hier per se nicht ganz außer Acht lassen. Allerdings die Methoden zur Untersuchung dieser hinterfragen: So zeigt eine Studie der University of Colorado at Boulder bei einem Versuch, dass Kinder, die dicke Zeichtrickfiguren sahen häufiger zu als ungesund betrachteten Lebensmitteln griffen. Wie etwa Keksen. Während Kinder beim Betrachten der erschlankten Comichelden weniger Süßes aßen.

Doch dazu sei gesagt, dass die Studie recht einseitig ist. Dabei wurden den Kindern beim Betrachten der Zeichentrickfiguren nur süße Lebensmittel angeboten. D. h. sie konnten nicht zwischen Obst / Gemüse und Süßigkeiten entscheiden, sondern konnten nur zu Süßigkeiten greifen. Ebenso wurden Faktoren wie Erziehung und Vorbildfunktion von Eltern nicht mit ein bezogen.

Zumal, ich hoffe diese Frage ist gestattet, selbst wenn, was wäre denn so schlimm daran, wenn Kinder einmal zum Süßen greifen? Das Verdammen von Lebensmitteln, das Einteilen in gut und böse, ist das nicht ebenso schädlich? Unterstützt dieses Verhalten denn eine, dem eigenen Körper gerecht werdende Ernährung? Sollten wir nicht vielmehr hier ansetzen?

Von gesellschaftlichen Normen

Doch kommen diese Fragen von einer dicken Frau wie mir, wird oft Faulheit unterstellt. Nämlich Faulheit beim Umdenken. À la: “Klar ißt sie lieber die Kekse und  kein Obst.” Dazu gäbe es einiges zu sagen. Vom Thema Fruchtzucker will ich da gar nicht erst anfangen. Dies ist auch kein Artikel über das Essverhalten oder über Genuss. Ein ebenso wichtiges Thema, das wir ein anderes mal besprechen wollen.

Es geht vielmehr darum, wie wir öffentlich mit dem Dick sein umgehen. Wie Erwachsene ihre Kinder lehren mit dicken Menschen und auch mit ihren eigenen Körpern umzugehen. Denn eines ist klar: in der Öffentlichkeit herrscht ein großer Druck zur Selbstoptimierung. Individualität ist da nicht gefragt, wird teilweise sogar kritisiert.

Dieser Druck lastet auf Kindern und Jugendlichen ebenso wie auf Erwachsenen. Solange wir gängige Schönheitsideale nicht hinterfragen und Klischees nicht durchbrechen, wird diese Entwicklung sich auch nicht verbessern. Es ist eben an uns Dinge zu ändern.

 

 

 

*Rosenke, Natalie: Über die gesellschaftliche Undenkbarkeit von Fat Sex und die Lust am dicken Körper, in: Rose, Lotte / Schrott, Friedrich (Hsg.): Fat Studies in Deutschland: hohes Körpergewicht zwischen Diskriminierung und Anerkennung
S 141 – 158, Juventa Verlag