Nein, ihr Mäuse so nicht, also ihr geht zur Mitte dreht euch einmal nach rechts dann nach links und dann geht ihr weiter nach vorne und dreht euch wieder, immer lächeln und daran denken wir beginnen mit dem rechten Fuß….“, die Laufstegtrainerin für mein Debüt als Model bei meiner ersten großen Modenschau weiß wirklich wovon sie spricht.

Denn Andrea war ein österreichisches Plus-Size-Laufsteg-Model der ersten Stunde. Wobei es den Begriff Plus-Size damals noch gar nicht gab, Molly-Mode war der gängige Begriff Anfang der 1990er Jahre. Was zu dieser Zeit noch anders war, wie das Laufsteg-Training ausgesehen hat, der Arbeitsalltag für Molly-Models war und was, für Andrea, Plus-Size Models anders machen sollten als „die Schlanken“ könnt ihr im ersten Teil eines Interviews, das mit ihr führen durfte,  lesen.

Wann hast du mit dem Modeln begonnen?

Im Jahr 1992. Ich war in einer Boutique für Übergrößen zum Einkaufen und die Verkäuferin sagte zu mir: „Sie haben a liabes G’sicht was machen Sie denn heute am Abend?“ Ich fragte warum und sie erklärte mir, dass heute Abend eine Audition stattfinden würde. Es würden Molly Models gesucht für die La Donna (jährlich stattfindende Messe für Frauen in Wien, Anm. der Rede). „Gehen sie doch dort hin.“

Ich bin nach Hause gegangen und habe sofort eine Choreografie einstudiert und zwar zu „Hey big spender“. Ich habe geübt, getanzt und mich für die Audition schick gemacht und mir eine schwarze Hose und ein Oberteil mit Fransen angezogen. Bei der Audition angekommen waren mit mir ca. 40 Frauen in einem Lokal um sich zu bewerben.

Ich wurde aufgerufen, ging auf die Bühne, gab meine Kassette, ja damals war es noch eine Kassette, in den Kassettenrekorder. Plötzlich gab der Rekorder ein seltsames Geräusch von sich und das war’s mit „Hey big spender“, der Recorder hatte das Band geschluckt.

Der Veranstalter der Audition hat kurzer Hand ein anderes Lied für mich ausgesucht – „Black or White“ von Michael Jackson. Dazu habe ich dann spontan getanzt und „performed“. Das schien gefallen zu haben, denn von den vielen Frauen die bei der Audition waren wurden 6 genommen und ich war eine davon.

Wie ist es dann weitergegangen?

Nach einem Wochenendintensivkurs bei dem Besitzer einer damals sehr großen Modelagentur in Wien, die sich auf Modenschauen spezialisiert hatte, wie z. B. die La Donna (jährlich stattfindende Messe für die Frau, in Wien, Anm. der Rede) oder andere große Modeschauen.

In dem Kurs lernten wir das richtige Gehen am Laufsteg, das richtige Drehen und Präsentieren und auch schwierige Dinge wie z.B.: wie lasse ich eine Jacke die Arme hinuntergleiten und werfe sie danach elegant über die Schulter ohne dass das Futter heraussieht. Gar nicht so leicht!

Das Training war wirklich beinhart, weil dabei wurde „Gas geben“, das war nicht ohne und dann kam meine erste La Donna Messe mit jeweils ein bis zwei Modeschauen tgl.

War aufregend und sehr hektisch……

Vor jeder Modenschau gab es dann noch sehr intensive Proben. Jeder Auftritt hatte nämlich eine eigene Choreografie. Mit einfach rausgehen, präsentieren und wieder zurück war nix!

Wir waren zwei Gruppen von Models, von ganz jung bis älter, auch immer einige Models die schon um die 50 Jahre alt waren. Größe 42 / 44 bis 54 / 56, also meistens alle Größen durch. Jedes Bild hatte seine eigene Choreografie und das war teilweise schon extrem mühsam. Wenn du gewusst hast, du gehst etwa acht oder neun mal raus und jedesmal musst du daran denken: „ Ok, jetzt kreuze ich mit der und dann geh ich wieder zurück und dann gehe ich in der Mitte nach links und dann nach rechts und dann drehe ich mich wieder nach links usw.” Es war zeitweise sehr extrem und heftig, da haben wir wirklich viel lernen und üben müssen. Wir haben wirklich stundenlang an Wochenenden geprobt. Und nervös waren wir auch…..

Zu einer Modenschau gehört auch eine Kleideranprobe. Da sind wir dann gemeinsam zu all den Boutiquen in Wien gefahren die bei den Modeschauen mitgemacht haben und haben dort die Modelle probiert die die Boutiquenbesitzer zeigen wollten. Das heißt wir waren den ganzen Tag kreuz und quer durch alle Bezirke von Wien unterwegs. Jedem Model wurden dann die entsprechenden Kleidungsstücke zugeordnet, das war sehr spannend und ist nie ohne „Gezicke“ über die Bühne gegangen: „Nein, das trag ich nicht, das will ich nicht…..“

Einmal hatten wir eine Modeschau in Salzburg auf einer großen internationalen Modemesse mit allem Drum und Dran. Und dann gab es auch einmal eine Modenschau der anderen Art bei einem Heurigen (Weinlokal, Anm. der Red.). Da bin ich beim „Wolf in Neustift“ mit Zobel und Nerz zwischen den „Schnitzeln“ durchgegangen. Brillen, Hüte, wir haben alles präsentiert…Ja so war das.

Eine riesige Modeschau haben wir einmal gehabt, das werde ich nie vergessen, im Festsaal der Wiener Börse, das war eine Wahnsinns-Modeschau, der Saal voll bis auf den letzten Platz. Wunderschöne Mode, ich erinnere mich, ich bin in einem Badeanzug, einem durchsichtigen Nichts von einem Bademantel und einem Strohhut so groß wie ein Wagenrad und dunklen Sonnenbrillen über den Laufsteg gegangen. Aufgrund des riesigen Hutes hatte ich schlechte Sicht und es war auch schwierig bei der Choreografie mit dem Riesending auf meinem Kopf nicht vom Laufsteg zu fallen.

Das waren damals die Anfänge der Molly Modelszene. Wir waren echte “Pionierinnen”! Anfang der 1990er wurde auch eine Miss Molly gekürt und auch sie war eine von uns.

Du hast ja gerade gesagt, dass das die Anfänge waren, wie waren eigentlich die Reaktionen auf euch?

Die Reaktionen waren ungemein gut, der Bedarf war absolut da. Stell dir vor, das ist beinahe 25 Jahre her, da war es anders. Da war es schwer etwas zu bekommen was ein bisschen schöner war. Beim Universalversand vielleicht, der hatte vielleicht ein paar größere Größen. Ich kann mich gar nicht erinnern wo ich damals eingekauft habe. Das war schon schwierig. Ich trug auch damals eine 52 / 54. Die Modeschauen sehr, sehr gut besucht, die Säle waren voll. Die Frauen haben danach „gegiert“. Es hat damals auch sehr viele Boutiquen gegeben, die es heute leider nicht mehr gibt. Am Anfang war das ein Hype, absolut.

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Heute gibt es ja anscheinend weniger obwohl es immer mehr Leute gibt die es brauchen würden..

Heute ist es anders, geh zum Adler, C&A, schlag einen Katalog auf, jeder hat Plus Size, das war ja damals nicht. Da hat vielleicht der C&A was gehabt und DIE Marke war dann die Ulla Popken, das war das erste Geschäft wo du als dicke Frau wirklich was gekriegt hast. Also die Boutiquen waren alle gut besucht, obwohl sie teurer waren, aber wir wollten auch besonders gut aussehen.

Wie lange hast du gemodelt?

Ca. sechs Jahre, dann habe ich mich verletzt (Kreuzbandriss, Anm. der Rede) und habe danach nur noch wenig gemacht, wie z.B. Hausmodeschauen in Boutiquen. Bis 1998, dann habe ich aufgehört.

Hättest du weiter gemacht wenn dein Knie nicht gewesen wäre?

Mir hat es damals extrem leid getan aufzuhören, ich bin auch bei den Kundinnen sehr gut angekommen, weil sich Kundinnen mit mir und meiner Größe identifizieren konnten. Weil wenn da ein Model mit 42 / 44 über den Laufsteg geht und du hast selber 54 dann ist die 42 / 44 nicht wirklich so interessant. Aber wenn du 54 hast und das Model ebenfalls, dann ist das gleich was anderes. Die Mehrheit der Damen im Publikum waren jenseits der Größe 48.

Ich hatte einen irren Spaß an den Modeschauen und auch an unserer tollen Gemeinschaft.

Aber das Ganze hat sich ein paar Jahre später auch zerschlagen. Mir ist es so vorgekommen, als hätte sich die Szene etwas aufgelöst. Ich habe mich dann aber auch nicht mehr so sehr dafür interessiert.

Was Modeschauen für Plus Size betrifft: Du hast uns beim Laufstegtraining erklärt, dass wir ein paar Sachen anders machen sollen, also nicht so wie „dünnere“ Models, warum?

Das ist für mich persönlich eine Sache der Ästhetik, das heißt jetzt bitte nicht, dass eine kurvige Frau unästhetisch ist, auf keinen Fall. Am Anfang, bei meiner ersten Modenschau hab ich das genauso gemacht wie ich es vorher im Fernsehen bei Modeschauen gesehen habe (Claudia Schiffer und Co.), da sind die Models nach vorn gegangen, dann haben sie posiert mit der Hand lässig an der Hüfte und sind zurück gegangen. Und dann sehe ich mich von hinten im Fernsehen, in Österreich Bild, wie ich dort stehe mit der Hand in der Hüfte und wie plötzlich dadurch, dass ich mich so aufstütze meine hintere Pracht überdimensional ins Bild gerückt wurde und das kam einfach nicht so gut.

Wir haben beim Laufstegtraining gelernt, dass man die Hand vorne seitlich nur leicht anlegt und sich nicht in der Hüfte abstützt.

Gerade wenn jemand Plus-Size trägt, muss man beim gehen am Laufsteg noch mehr darauf aufpassen wie man sich bewegt. Es macht schon einen anderen Eindruck, wenn jemand in Größe 34 zu einer lauten Musik mit heftigem Bass volle Power über den Laufsteg „marschiert” und dann kommt eine 120 Kilo Frau und macht es genauso, dann ist die Eleganz vielleicht etwas dahin.

Ich habe mir sehr, sehr viele Modenschauen im Internet angeschaut, auch von der Curvy in Berlin und größtenteils beherzigen die Models dort auch die Dinge die ich beim Laufstegtraining gelernt habe.

Ich vertrete eher die Linie, etwas mehr zu kaschieren und nicht alles zeigen. Das ist anders als Du das siehst Bobby, ich weiß. Aber ich würde nie etwas Enganliegendes tragen, das ist ein No Go für mich, das geht gar nicht. Das könnte ich auch nicht, wenn ich eine kleinere Konfektionsgröße hätte. Eine gute Freundin aus meinen Kindertagen trägt auch meine Größe und liebt eng anliegende Kleidung. Ich würde am liebsten permanent an ihr herumzupfen, weil alles so anliegt und man jedes Speckröllchen sieht. Tu ich natürlich nicht! Sie fühlt sich wohl und damit ist es voll in Ordnung!

Geht halt für mich gar nicht.

Ästhetisch nicht?

Ja genau, ästhetisch nicht.

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Ob Andrea ihren Körper mag, wie Sie zum Thema „schlanker sein“ steht und was sie Frauen die Plus-Size-Model werden möchten mit auf den Weg gibt könnt ihr im nächsten Teil des Interviews, das ihr zum Ende der Woche hier finden werdet, erfahren.