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Eine Stimme haben

Eine Stimme haben die gehört wird. Besser noch viele Stimmen haben, die endlich gehört werden. Das ist es eigentlich worum es bei meiner Arbeit vor allem geht. Wir wollen gehört werden. Denn viel zu lange wurden wir überhört. Doch damit ist jetzt Schluss. Denn immer mehr mehrgewichtige Menschen werden lauter. So fordern sie / wir Aufmerksamkeit und gehen gemeinsam gegen Diskrimierung vor. Doch, dass dieser Weg weder einfach noch kurz ist, ist uns wohl allen klar. Denn wer aufbegehrt, wird noch deutlicher kritisiert. Allerdings müssen wir leider noch viel früher ansetzen, denn in der Öffentlichkeit haben wir oft noch nicht einmal ein Gesicht….

Keine Stimme haben

„Sprecht mit uns und nicht (nur) über uns!“, eine Forderung die nicht nur seit geraumer Zeit von dicken Menschen gestellt wird, sondern die auch legitim erscheint. So ist es medial und in der Öffentlichkeit doch gang und gebe über dicke Körper zu sprechen, das Leben dicker Menschen. Ob in Diskussionsrunden mit besorgten MedizinerInnen oder auch in Modeformaten mit ExpertInnen, gerne wird über unsere Körper gesprochen. Doch seltsamer Weise nie mit uns.

Wie kann jemand wissen, wie ich mich mit und in meinem Körper fühle? Wie kann ein Tag in einem Fat Suite auch nur ansatzweise zeigen, wie meine Tage, meine Wochen sind? Dabei ist die für mich wichtigste Frage: „Wie kann es sein, dass hierzu nie mehrgewichtige Menschen befragt werden?“ 

Nun, eigentlich muss hier auch hinzugefügt werden, dass wenn dicken Menschen befragt und gezeigt werden das grundsätzlich Menschen sind, die mit sich unzufrieden sind, mit ihren Körpern. Jetzt ist natürlich jedem Menschen unbenommen das Recht zuzustehen, sein eigenes „Wohlfühlen“ zu definieren. Ganz klar.

Doch wo sind die dicken Menschen, die sich wohlfühlen? Die tauchen in medialen Berichten & Diskussionsrunden kaum bis nie auf. Es gibt sie aber, das weiß ich ;). So wird munter über uns weiter diskutiert ohne uns auch nur ansatzweise in diese Gespräche miteinzubeziehen. Denn es darf ja auch gar nicht sein, was öffentlich als verpönt gilt: sich in einem dicken Körper wohl zu fühlen, sein Leben mit Freude zu bestreiten.

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Ein Gesicht bekommen

Klingt alles recht plakativ? Stimmt, ist es auch. Vor allem ist es einseitig, denn schließlich gibt es immer mehr Gegenbeispiele. Ob Modeunternehmen, die mit dicken Models arbeiten und diese nicht nur im Internet, sondern auch auf Plakatwänden zeigen (siehe die neue Zalandokampagne mit u.a. Charlotte Kurt), oder die Beautyindustrie. Hier wurde u.a. die Kampagne von Gillette Venus bei der Anna von GlitterandLazers eine wichtige Rolle spielt zu einem Meilenstein.

So könnte man ja jetzt sagen, dass wir eine Stimme bekommen. Nun, zumindest ein Gesicht. Denn wer kennt die sogenannten „Headless Fatties“-Bilder nicht? Dicke Körper, die ohne Kopf in den Medien gezeigt werden. Der Begriff des „kopflosen dicken Menschen“ wurde von Dr. Charlotte Cooper in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht. Hier geht es darum, dass dicke Menschen durch diese Art der Darstellung entmenschlicht werden. 

„….we are presented as objects, as symbols, as a collective problem, as something to be talked about. Unless we play the game and parrot oppressive, self-hating, medicalised views about fat, fat people’s own voices, feelings, thoughts and opinions about what it is to be fat are entirely absent from the discourse. Because of this, we are currently unable to capitalise on the allure a fat body holds to viewers and readers, and this will probably continue as long as we are disenfranchised beings.

As Headless Fatties, the body becomes symbolic: we are there but we have no voice, not even a mouth in a head, no brain, no thoughts or opinions. Instead we are reduced and dehumanised as symbols of cultural fear: the body, the belly, the arse, food…“ Dr. Charlotte Cooper*

Headless Fatty – der kopflose dicke Mensch

So wurde der kopflose dicke Körper zum Sinnbild eines „Problems“, einer „Seuche“. Entmenschlicht, verachtet, ungeliebt, unverstanden und dadurch auch diskriminiert. Erstmals in Jahrzehnten wird uns seit einiger Zeit ein bisschen mehr Gesicht gegeben. Durch Werbekampagnen und vereinzelte Berichte in Printmedien oder im TV.

Die aktuelle Zalando Kampagne plakatiert groß und deutlich. Zeigt etwas, was lange versteckt wurde, spricht die Öffentlichkeit und eine Kundengruppe an, die lange ignoriert wurde. Doch das ist vielleicht ein Anfang, der Befreiungsschlag ist es jedoch nicht. So sehr ich diesen Schritt schätze, so skeptisch bin ich, wie nachhaltig er ist. Denn eine Kampagne macht noch kein Menschenrecht. Exakt liebe/r Leser/in – Menschenrechte.

Das Recht auf Menschenrechte

Um an dieser Stelle nur einige Rechte anzuführen: das Recht auf Arbeit und auf Gesundheit.

Die Verbindung von Mehrgewichtigkeit und Verlust von Menschenrechten scheint weit hergeholt? Leider mitnichten. Denn unzählige Berichte von dicken Menschen, denen aufgrund ihres Körpers Jobmöglichkeiten verwehrt oder auch akkurate medizinische Behandlung verweigert wurde häufen sich. Mir ist natürlich klar, dass es einen ins Kreuzfeuer der Kritik bringen kann solche Verbindungen zu ziehen, ich tue es dennoch.

Denn das Verwehren dieser Dinge ist ein Eingriff in unsere Menschenrechte. Eine Diskriminierung, die durch nichts zu Entschuldigen ist. 

EineStimmehaben_Bobby_persönlich

Eine Zielscheibe werden

Apropos Kreuzfeuer der Kritik. An dieser Stelle muss ich auch erwähnen, dass sich eine Stimme zu erkämpfen eine überaus unangenehme und unnötige Begleiterscheinung hat: Hass. In Zeiten des Internets und von Social Media kann dieser Hass noch unerträglicher werden. Von Mord- über Vergewaltigungsdrohungen, von permanenten Beleidigungen bis hin zum Sperren der Accounts der AktivistInnen (und nicht der Hater!!) – gegen Diskriminierung vorzugehen hat eine überwältigende Schattenseite.

Denn wer aufbegehrt, sich gegen Vorurteile und oft jahrzehnte oder sogar jahrhunderte alte Denkweisen & Annahmen stellt macht sich zur Zielscheibe. Gegen populäre öffentliche Meinungen anzuschreiben und anzusprechen wird nämlich nicht nur mit mehr Aufmerksamkeit belohnt, sondern rückt die Person auch in den Fokus der öffentlichen Kritik. Erbarmungslos.

Da ist es dann vollkommen legitim für viele zu beschimpfen, zu hassen, zu diskriminieren. Natürlich wird das os oftmals nicht gesehen. Denn wenn es um den dicken Körper geht ist das nur ein Beitrag zur Unterstützung der Gesundheit, zur Schonung der Krankenkassen, zum Wohle der Mehrgewichtigen.  

Diskriminierung, die keiner verstehen will

Als Body-Shaming oder auch Fat-Shaming wird dieses Verhalten bezeichnet. Wichtige Begriffe, dennoch möchte ich hier hinzufügen, dass egal wie wir es auch bezeichnen eine Sache bleibt: es ist DISKRIMINIERUNG. Nichts weniger, es ist ein Einschränken von Rechten argumentiert mit dem „Helfen wollen“. Wir wollen dir ja nur etwas Gutes tun, wir wollen dir ja nur zeigen, wie sehr du dich irrst.

Nein, wir hören dir nicht zu, wir schauen dich gar nicht erst an, wir nehmen dich nicht ernst. Wie könnten wir auch, wer so freiwillig aussieht kann nicht intelligent genug sein um die Reichweite seiner Handlung zu verstehen. 

Abkanzlen, geringschätzen, demütigen, hassen, verachten – so geht man mit mehrgewichtigen Körpern gerne um.

Eine Stimme haben

So, das war jetzt alles ein bisschen viel, nicht wahr. Wo bleibt der Humor, wo bleibt die Leichtigkeit. Nun, werte LeserInnen, manchmal gibt es die einfach nicht. Weil nicht alles ein einziger großer Scherz ist, weil nicht alles leicht ist (im Zusammenhang mit dicken Körpern doch ein ganz nettes Wortspiel…;)..).

Doch seien sie versichert liebe LeserInnen, der Sinn für Humor ist mir noch nicht abhanden gekommen und auch die Kampfeslust nicht. Beides wichtige Dinge wenn man gegen die Diskriminierung von mehrgewichtigen Menschen vorgehen möchte. Denn eines ist klar, nicht nur ich sondern viele andere Menschen weltweit werden sicher nicht ruhen, bis wir eine wirkliche Stimme in der Öffentlichkeit haben.

Das mit dem Gesicht hat ja ansatzweise schon einmal geklappt. Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass das viel öfter passiert, dass Medien mit uns sprechen und nicht über uns, dass nicht nur die Mode- 0der Beautyindustrie uns entdecken, dass Gesetzgeber auf nationaler Ebene mit uns sprechen, dass Gesetzgeber auf internationaler Ebene mit uns sprechen, dass unsere Körper in der Medizin anders behandelt werden, dass Diskriminierung  von dicken Menschen im Sprachgebrauch aufhört – ach ja, dass der Umgang mit Mehrgewichtigen als Diskriminierung verstanden wird – quasi kaum etwas zu tun ;)….

PS: Stimme zählen

An dieser Stelle mache ich etwas, das mir leicht unangenehm ist. Das ich allerdings dennoch mache, weil es mir sehr wichtig ist. Ich stelle mich einer Wahl – einer Covermodelwahl und würde mich sehr freuen, wenn ihr für mich voten würdet. Warum ich das mache? Das habe ich auf Facebook schon ein bisschen erwähnt. Werde das aber für morgen in einen nächsten Artikel verwandeln. Danke!!

https://wienerin.at/gib-jetzt-deine-stimme-ab-wer-wird-das-wienerin-covermodel-2021#slide–216634-25

 

 

*http://charlottecooper.net/fat/headless-fatties-01-07/

 

Ich liebe Mode – schon immer, bin kurvig seit ich mich erinnern kann und kann heute mit Fug und Recht behaupten, dass ich mich mag. Die Plus Size Welt ist bunt und vielfältig. Das möchte ich zeigen und habe deshalb nach Jahren in der PR-Branche beschlossen, jetzt nur noch PR für Curvect zu machen.

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