Die Uhr schlägt Mitternacht, jetzt ist er da, der besondere Tag. Ein Tag vor dem ich mich einerseits gefürchtet und auf den ich mich andererseits gefreut habe. Denn ich begehe ihn gern, meinen Geburtstag. Dennoch, in diesem Jahr fühlt sich alles etwas anders an. Nicht nur Covid-19 bedingt sondern auch weil es eben nicht irgendein Geburtstag ist. Heute werde ich 40.

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Der besondere Tag

Hiermit gestehe ich: ich bin eine Geburtstagsfanatikerin. Ich liebe meinen Geburtstag. Feiere ihn gerne, mag natürlich Geschenke und freue mich über Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich weil ich Einzelkind bin ;)..die stehen ja meistens sehr im Mittelpunkt. Den mag ich auch, nicht immer, aber an meinem Geburtstag schon. Da werde ich gefeiert, es gibt ja nun wirklich Schlimmeres.

Dabei muss so ein besonderer Tag gar nichts Großes mit sich bringen. Keine riesige Party oder dutzende Geschenke. Nein, ich beglücke nur meinen Mann damit, dass wir einfach den ganzen Tag das tun, was ich möchte. Armer Kerl, aber er beklagt sich nicht ;). In diesem Jahr beschenke ich mich übrigens auch selbst recht großzügig. Das finde ich ok, denn 40 wird Frau ja nicht jeden Tag.

40

40, was für eine Zahl. Zugegebener Maßen, habe ich mich vor ihr gefürchtet, wie noch vor keinem anderen Geburtstag. Die 30 habe ich locker weggesteckt. 40 hingegen, 40 ist bedeutend. Dachte ich mir halt. Das zeigt wie weit du gekommen bist, was du alles erreicht hast. Schon vor Monaten habe ich mit Freundinnen darüber zu sprechen begonnen, dass mir dieser Tag doch schwer im Magen liegt. Denn was habe ich erreicht? Bin ich wirklich dort wo ich sein sollte?

Wo man sein sollte

Hier stellt sich natürlich die Frage, wo das genau ist. Also wo man ausgerechnet mit 40 sein sollte. Familie, ein Haus, eine Eigentumswohnung, ein Auto, eine Weltreise, ein Studium – was genau gehört denn jetzt eigentlich dazu wenn man 40 ist? Wie erfolgreich muss man sein? Wer sollte man sein? Wie sollte man aussehen?

Lauter Fragen, die mir seit einiger Zeit durch den Kopf gehen. Dabei frage ich mich immer wieder, ob ich alles erreicht habe, was ich mit 40 erreicht haben wollte. Ob ich glücklich bin, erfolgreich.

Blödsinn

An dieser Stelle könnte ich natürlich darauf eingehen, was die Gesellschaft so über 40 Jährige denkt, wie Menschen ab 40 gesehen werden, welche Attribute ihnen nachgesagt oder zugeschrieben werden.

Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, Kinder bekommen – gehört das alles dazu? Ist das alles nicht zu haben ein Zeichen von Versagen? Jetzt schreibe ich all diese Gedanken hier nieder und merke, was mir schon vor einigen Tagen bewusst geworden ist. Das ist doch alles Blödsinn. Damit mache ich mich nur selbst fertig.

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Passend

Denn ja, für einige Menschen gehört das dazu zu einem glücklichen und erfolgreichen Leben und für andere eben nicht. Wie ich mein Leben gestalte liegt doch wohl bei mir. Was ich als erfolgreich definiere ebenso. Denn schließlich steckt niemand in meinen Schuhen, sondern ich treffe meine Entscheidungen, ich gebe die Richtung vor.

So habe ich selbst gewählt, was ich studieren wollte, habe den Mann geheiratet, der meiner Ansicht nach der beste für mich ist, habe mich dazu entschieden meine eigene Chefin zu werden und beschlossen, dass mein Körper – jede Menge Kritik zum Trotz – genau der ist, der für mich passt.

Vorgegebene Normen und Vorstellungen waren mir schon oft zu eng.

Vier Jahrzehnte

Deshalb werde ich diese ganze Geschichte auch zu einem versöhnlichen Ende bringen. Ich bin 40. Das ist so. Ich habe in den letzten vier Jahrzehnten viel gelernt, Erfolge erzielt, Misserfolge eingefahren. Ich habe gelacht, geweint, geliebt, gestritten. War frustriert, glücklich, verärgert oder auch sehr zufrieden.

Die ersten 10 Jahre meines Lebens war mein Körper dabei gar nicht so die Hauptsache. Ich war ein glückliches dickes Kind und habe erst im Laufe der Zeit gelernt, dass ich zwar glücklich mit mir bin, dass aber noch lange nicht heißt, dass es meine Umwelt auch ist.

Die zweiten 10 Jahre meines Lebens habe ich dann mit Dingen wie Selbstzweifeln, Frustration, Angst, Traurigkeit und Unsicherheit verbracht. Einen guten Teil davon. Habe mich hinter weiter Kleidung versteckt und wollte gerne unsichtbar sein. Gefühlt 100 Mal habe ich versucht abzunehmen, nur um daran immer und immer wieder zu scheitern.

Die 20er und 30er

Die dritten 10 Jahre meines Lebens habe ich mit Versöhnung zugebracht. Habe meinen Körper genauer kennengelernt. Habe gemerkt was er alles kann. Habe aufgehört ihn hinter weiter Kleidung zu verstecken. Habe begonnen ihn zu zeigen, mich in ihm wohl zu fühlen.

Die vierten 10 Jahre meines Lebens haben mich zum heutigen Tag gebracht. Nachdem ich mich mit meinem Körper versöhnt hatte, war es mir immer mehr ein Bedürfnis auch andere dabei zu unterstützen das selbe zu tun. Daraus habe ich einen Beruf gemacht. Habe mir zum Ziel gesetzt der Welt zu zeigen, wie vielfältige die Plus Size Welt ist um damit Vorurteile abzubauen.

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Die nächsten 10 Jahre

Womit ich die nächsten 10 Jahre verbringen werde? So ganz genau weiß ich das noch nicht. Doch einer Sache bin ich mir ganz sicher: es gibt keine Entschuldigungen mehr und Rechtfertigungen sollten ebenso tunlichst vermieden werden. Denn das mache ich noch viel zu oft und nicht nur ich. Als dicker Mensch neigt man dazu sich entweder dafür zu entschuldigen wie man aussieht oder dafür zu rechtfertigen, wie es dazu gekommen ist, dass man dick geworden ist.

Sicher nicht mehr. Wie ich also hoffe die nächsten 10 Jahre zu verbringen? Selbstständig, mit tollen Projekten, vielen wunderbaren Menschen, mit viel gegenseitiger Unterstützung, viel Spaß und jeder Menge Lebensfreude.

Worauf ich mich dabei schon sehr freue? Dass ihr mich alle begleitet, darauf freue ich mich sehr!

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Fotografin: Ursula Schmitz

Kleid: Asos Curve

Schmuck: Geliehen vom Kaufhaus Schiepek

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