Bildende Künstlerin, Performancekünstlerin, Aktivistin, Expertin, die aus Deutschland stammende und in Wien lebende Künstlerin Veronika Merklein hat uns einen Einblick in ihre Arbeiten gewährt. Body- & Foodpolitics bestimmen aktuell ihr Werk und wenn es auch auf den ersten Blick manchmal verstörend wirkt, so sind die Botschaften ihrer Kunst doch immer nachhaltig und eindrücklich. Curvect hat sich mit Veronika zu einem spannenden Interview getroffen:

(c) Veronika Merklein, Foto: Christian Messner

(c) Veronika Merklein, Foto: Christian Messner

Seit wann bist du künstlerisch tätig?

Der Klassiker wäre jetzt: Seit ich 4 bin… In der Tat habe ich den kreativen Ausdruck schon immer in mir gehabt. Ernsthaft seit 2002. Mich als Künstlerin definiert vielleicht seit ca. 3 Jahren.

Du bist Performancekünstlerin, was bedeutet das genau?

Performancekunst ist meistens live, divers wie alle anderen Medien in der Kunst auch – mit oder ohne Musik, mit oder ohne Text, häufig nicht einstudiert, aber mit sehr viel Wissen und Vorbereitung über Ort und Material. Es gibt Schnittstellen zu den anderen darstellenden Kunstformen wie Tanz und Theater, obwohl von der bildenden Kunst kommend. Sie arbeitet mit Dauer, Wiederholungen und Ritualen. Ich arbeite häufig mit Langezeitperformances und ohne Applaus. Teils auch mit Scores. – Selbst definiere ich mich als bildende Künstlerin mit dem Schwerpunkt Performancekunst.

Ich habe sehr unterschiedliche Interessen und künstlerische Ausdrucksformen, weswegen ich mich nicht nur darauf beschränken will. Außerdem habe ich Angst vor der „Bühne“.

Übrigens ist für mich auch der CurVienna Modemarkt performativ bzw. der Grund mich um Mode für dicke Menschen zu bemühen – in diesem speziellen Fall eine ganz wichtige und politische Ausdrucksweise.

(c) Veronika Merklein, Foto: Robert Bodnar

(c) Veronika Merklein, Foto: Robert Bodnar

Womit beschäftigst du dich künstlerisch, womit setzt du dich auseinander?

Warte, ich zitiere mein Artist Statement: „Ihre Arbeiten umkreisen performanceimmanente Themen, popkulturelle und sozialpolitische Phänomene sowie schlichtweg „das schöne und brutale (Innen)leben der Menschen“. Ausgehend von ihrem eigenen Körper beschäftigt sie sich in ihrem derzeitigem Arbeitszyklus mit Body- und Food-Politics.“ – Zufrieden? (lacht)

Essen spielt bei deinen Performances eine zentrale Rolle (z.B. bei deiner Aktion zu Fat Pig) – warum?

Schlichtweg, weil ich gerne esse, koche, Pflanzen wachsen sehe. Wenn ich im Ausland bin, kann ich mich 2-3 Stunden in Supermärkten, übrigens ein absurdes Wort an sich SUPER MARKT, aufhalten und daraus sehr viele Schlüsse ziehen, über Kultur und die Menschen dort. Abgeschmackt aber der Mensch ist, was er isst.

(c) Veronika Merklein, Foto: Rebecca Memoli

„FAT PIG“  (c) Veronika Merklein, Foto: Rebecca Memoli

 

In „Fat Pig“ habe ich mich während meines Atelierstipendiums 2014/15 sehr für die industrialisierte Herstellung von Nahrungsmitteln in den Vereinigten Staaten interessiert. Ein Riesenappart – dieses Land. Ich war in Supermärkten und habe Früchte und Gemüse gesehen, die waren so groß, ich konnte das nicht glauben. „Whole Foods“ als der „Biosupersupermarkt“ gehypt, riesige (Selbestbedienungs-)Buffets, die Wannen randvoll. Ich habe mich gefragt, was am Abend, am Ende der Woche damit passiert. Ein italienischer Professor erzählte mir, dass er auf der Suche nach einer Wohnung, Wohnungen besichtigt hätte mit Küchen, die aus einem Waschbecken, einem Kühlschrank und einer Mikrowelle bestanden. Auch Europa wird mittlerweile von Convenience Food überflutet – und ehrlich gesagt, es ist schon bequem und ja, nicht alles Vorproduzierte, ist per se schlecht. – Irgendwie reifte dann die Idee, eine Performance zu machen, die wolllüstig, kindlich-verspielt ist, die das Industrielle irgendwie manuell macht, und das Wegwerfen zu einem Akt.

Ich habe dann Kontakt zu der Food-Coop-Managerin Sharon Hoyes aufgenommen, die ich durch Chris Puente kennenlernte. Und letztlich waren wir dann vier KöchInnen – Sharon, Chris, my „fat partner in crime“ Angela Trakas und die Musikerin Emer Kinsella. Wir haben knapp 5 Std in der Defibrillator Gallery in Chicago gekocht, die Fenster waren bis zum Anschlag beschlagen und die Menge wurde immer gieriger, das vor Ort gekochte Essen vor dem Wegwerfen zu retten. Die Performance war aber nur ein Teil, ich stellte auch noch Fotos aus.

Was bedeutet Fat Pig? Wofür steht dieses Projekt?

Fat Pig, zu deutsch „Fette Sau“, ist die Beleidigung schlechthin. Kein Understatement. – Ich habe versucht, mein Interesse and Body-Politics mit meinem Interesse an Food-Politics zu verschränken. Ein schwieriges Unterfangen.

Du sprichst davon, dir bei Fat Pig die Energie deiner GegnerInnen anzueignen – wer sind deine GegnerInnen?

Wie schon gesagt – es ist eine Strategie, dem Gegenüber die Macht zu nehmen, dich klein zu machen und letztlich auch klein zu halten. Wenn wir Menschen in unseren Körpern verunsichert sind, ist es ein Leichtes, uns Produkte anzudrehen, die uns vermeintlich schöner, besser erfolgreicher machen. – Die Diätindustrie macht alleine in den USA jährlich 40 Milliarden Dollar. Kannst du dir das vorstellen? – Ich mir nämlich nicht.

(c) Veronika Merklein, Defibrilator Gallery, Foto: Arjuna Capulong

„FAT PIG“, Performance (c) Veronika Merklein, Defibrillator Gallery, Foto: Arjuna Capulong

Dein Ausstellung zu Fat Pig in Chicago begann mit einer 4 1/2 stündigen Eröffnungs-Performance. Das Publikum war dabei aktiv eingebunden – waren dies auch KünstlerInnen oder zufällig gewählte Leute von der Straße?

Das Publikum waren FreundInnen und Bekannte und hauptsächlich performanceaffines Publikum der Galerie. Darunter viele KünstlerInnen ja, aber auch meine Abundia-Freundinnen, ein Zusammenschluß von dicken bis fetten Frauen, die jährlich Retreats veranstalten, an dem auch ich schon teilgenommen habe. Ohne irgendwen zum Objekt machen zu wollen, war es mir wichtig, Körpervielfalt zu repräsentieren. Die Kunstwelt ist ja hauptsächlich schlank.

(c) Veronika Merklein, Foto: Robert Bodnar

„Woman laughing alone with salad“ (c) Veronika Merklein, Foto: Robert Bodnar

 

Deine Foto-Food-Arbeit „Woman laughing alone with salad“ verstört durch seine bildliche Inszenierung. Das Essen wirkt gleichzeitig wie Genuss andererseits in seiner Üppigkeit überfordernd – was möchtest du den Zusehern, den Betrachtern damit sagen?

„Women laughing alone with salad“ ist ein google-generierter Suchbegriff. Man findet hunderte Bilder von Frau von lichten Tönen umhüllt, unscheinbares Make-Up, schlank, einen „leichten“ Salat essend. – Kurz gefasst habe ich das Bild karikiert und dabei eine Reklameästhetik angewendet.

Deine Performances sind ja sehr „körperbetont“. Kostet es dich viel Überwindung, dich dafür auszuziehen und dich so deinem „Publikum“ zu zeigen?

Ich bin keine Exibitionistin. Wenn ich mich für meine Performances ausziehe, dann bin ich in der Kunst. Ich bin dann keine Privatperson und sehe da eine ganz klare Trennung. Privat würde ich dies nicht tun, aber in meinen Kunstperformances bzw. künstlerischen Arbeiten ist es eine inhaltliche bzw. künstlerische Entscheidung, z.B. bei meiner Performance „Life-Long Weight-Gaining“, bei der ich „nackt“ auf einer Schokoladenwaage stand bis sie schmolz. In dieser Performance machte ich mich zu einem Abgussobjekt, ich hatte „tonnenweise“ hautfarbenes Make-Up auf mir drauf, dazu eine Art Außenlinie aus Latex, die entsteht wenn man zum Beispiel Osterhasen abgießt – Die zwei Teilformen werden dann letztlich zusammen gepickt. Ich wollte mich zur Skulptur machen, nachdem ich erfuhr dass ein lebensgroßer Abguß von mir mindestens 7000€ kosten würde. (lacht) – Dicke werden häufig objektifiziert, oder wie es unsere gemeinsame Freundin Rhea Krcmarova so schön sagt: Es wird nicht mit uns, sondern über uns gesprochen.

(c) Veronika Merklein, Foto: Marsellus Wallaces Photography

„Life-Long Weight-Gaining“  (c) Veronika Merklein, Foto: Marsellus Wallaces Photography

Wie sind die Reaktionen auf deine Performances?

Meistens sehen die Leute es eher lustig. Wenn ich eine gewisse Brutalität in die Performance lege, dann sind die Leute schon auch stutzig, verärgert oder sogar verängstigt. Manche haben geweint, manche sind gelangweilt gegangen, manche haben enthusiastisch mitgemacht und gelacht. Es kommt auch immer wieder vor, dass Menschen versuchen, mich zu irritieren. Aber meistens finden die Leute es, wie gesagt, lustig.

Du hast in einem Interview einmal gesagt, dass es dir bei deiner Kunst auch darum geht, deine eigenen Vorurteile gegenüber Dicken abzubauen. Was sind das für Vorurteile?

Jemanden als dick im öffentlichen Raum wahrzunehmen und ihm oder ihr bestimmte Dinge anzuhaften. Also von hässlich bis „der geht komisch – eh klar, weil er dick ist“. Solche Prozesse finden halt statt, das kann man nie ganz los werden, das ist auch Teil der eigenen kulturellen Sozialisierung und Erziehung, man kann diese Vorurteile meiner Meinung nach nur intellektuell aufarbeiten.

Wie fühlst du dich nach einer Performance?

Ich denke, Ewjenia Tsanana hat das mal ganz gut in ihrer Lecture-Performance „Zeitempfinden“ beschrieben: Man kann sich kaum artikulieren und will sofort rauchen und sich betrinken. Es kommt aber auch drauf an, wie lange eine Performance dauert: 15min oder 8Std? Wie sehr man sich einlassen kann und wie zufrieden man mit dem Ergebnis ist. Aber im Großen und Ganzen ist man danach in einem Paralleluniversum.

(c) Veronika Merklein

(c) Veronika Merklein

Liebe Veronika, vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke in dein künstlerisches Schaffen. Wir sehen uns beim CurVienna-Modemarkt & Talk am 24. April und freuen uns auf viele weitere spannende und großartige gemeinsame Projekte.

Bobby hat mit Veronika noch über Vieles mehr gesprochen: z. B. Körperakzeptanz, ihr eigenes Körperbild, das Thema Bodypositivity in den USA & Österreich. Mehr dazu erfahrt ihr ab Mai hier auf Curvect.

Mehr über Veronika findet ihr hier: http://www.veronikamerklein.com/