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War es eine Beobachtung oder Bodyshaming? Die amerikanische Sopranistin Kathryn Lewek fühlt sich vom deutschen Kritiker Manuel Brug geshamed. Während dieser in einer Stellungnahme betont, dass er das in der Aufführung gezeigte Frauenbild kritisiert hat, ist die Sopranistin von etwas anderem überzeugt. Nämlich, dass hier ihr Körper ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist. Was das Wörtchen dick bewirken kann…

Beobachtung

“Und leider läuft der gut geölte Marionetten-Mechanismus schnell leer, immer wieder machen dicke Frauen in engen Korsetten in diversen Separees die Beine breit..”* An dieser Stelle der Opernkritik bzw. Interpretationskritik von Manuel Brug erhitzen sich gerade die Gemüter.
 
Kathryn Lewek, Sopranistin hat das Gefühl, dass hier Bodyshaming betrieben wird, während der Journalist von einer Kritik des gezeigten Frauenbildes spricht. Zwei Seiten, zwei Meinungen. Eine Menge Medienrummel. Dabei ist mir tatsächlich aufgefallen, dass es in all dem Gewirr aus Kommentaren, Artikeln und Reaktionen gar nicht so einfach war, den original Artikel von Brug zu finden.
*Schlaflos in Salzburg, so der Titel der Kritik, ist ein Bericht über die diesjährigen Salzburger Festspiele. Darüber, wie sich hier Kunst mit Society vermischt. Ebenso über die Geschichte der Festspiele. Darüber hinaus natürlich auch über die diesjährigen Aufführungen.
Darunter die Oper “Orpheus in der Unterwelt” in der Kathryn Lewek die Rolle der Eurydike spielt. Dabei erwähnt Brug die Körperlichkeit der Darstellerinnen in einem einzigen Satz (siehe oben). Ebenso bezieht er sich nicht ausdrücklich auf  Lewek. Hier nehme ich vor allem mit: es hat ihm nicht gefallen. Es gibt kein Lob für die KünstlerInnen und vor allem kein Lob für die Inszenierung.
All die Aufregung also um einen Satz?

Bodyshaming

Doch dieser Satz, so scheint es, birgt Sprengstoff für die Opernwelt. Der dicke Körper und die Oper. Während in meiner Kindheit OpernsängerInnen gerne dicker sein durften, wird heute auch auf den Opernbühnen dieser Welt Körperdiskriminierung, Bodyshaming betrieben. So werden dicke SängerInnen gar nicht erst besetzt, oder aber es gibt keine passenden Kostüme. Was ja wiederum auch eine Art darstellt, dicke KünstlerInnen nicht engagieren zu müssen.
Eine Erscheinung des Zeitgeistes, in der der Klangkörper nicht mehr voluminöser sein soll, als gesellschaftliche verträglich ist. Dabei erinnere ich mich auch an einige Berichterstattung über Operndiva Anna Netrebko (eine unbestreitbar hervorragende Sängerin). Nach der Geburt ihres Sohnes hatte sich ihr Körper und damit auch ihre Stimme etwas verändert. Nach den ersten Auftritten war dabei in so mancher Zeitung mehr über ihren Körper als über ihr Talent zu lesen.
Aber zurück zum aktuellen Fall. Kathryn Lewek ist erzürnt und entrüstet, fühlt sich ob ihres Körpers beschämt und geht damit an die Öffentlichkeit. Reaktionen lassen dabei nicht lange auf sich warten. Sie findet viele UnterstützerInnen, die ihr Mut zusprechen und sich auch für sie einsetzen. Über den Artikel berichten. Besonders spannend dabei: es wird vor allem auch vermehrt über das Körperbild innerhalb der Opernwelt gesprochen. Denn Lewek ist nicht die einzige Künstlerin, die sich Kritik ob ihres Äußeren ausgesetzt sieht.

Berichterstattung & Klischees

Doch zurück zum Ausgangspunkt. Manuel Brug beschreibt die Inszenierung als zu jovial, zu obszön. In einem Artikel, den er als Reaktion auf Frau Leweks öffentlich Machung verfasst hat, erläutert der Journalist, dass es ihm nicht darum ging den Körper der Sopranistin zu verunglimpfen. Vielmehr sei es das Frauenbild das auf der Bühne verkörpert wurde. Das üppige Weib, das immer bereit, immer wollüstig sei.

Wer hat jetzt recht? Wer unrecht? Darf sich Kathryn Lewek angegriffen fühlen? Ist Manuel Brug zu weit gegangen?

Die öffentliche Diskussion finde ich überaus interessant. Natürlich war ich nicht bei der Aufführung dabei, habe sie mir nur per YouTube Video angesehen und ich bin keine Opernkennerin. Allerdings sind Kritiker in Allgemeinen voll des Lobes für die Stimme der Sopranistin. Das ist es ja auch eigentlich was zählt, die Stimme. Doch wie wir alle nur zu gut wissen, ist das Aussehen für die Öffentlichkeit nicht weniger von Bedeutung.

Brugs Kritik liest sich für mich im ersten Moment nicht, wie ein Manifest des Bodyshaming. Sie ist abwertend, ja. In Bezug auf die gesamte Inszenierung. Dabei lese ich es mir immer wieder durch “dicke Frauen in engen Korsetten”. Nach der Durchsicht des Videos kann ich sagen, dass man dicke Frauen auf der Bühne sieht, ob die Korsette jetzt zu eng sind sei dahingestellt. Jedenfalls ist viel Haut zu sehen. Mit der Üppigkeit wird definitiv gespielt.

So stellt sich mir hier die Frage, ob der Sturm der Entrüstung tatsächlich gerechtfertigt war. Ich würde sagen ja und nein ;). Einerseits ja, weil das Thema Oper und Körper schon längst besprochen gehört, weil aufgezeigt werden sollte, wie körperfeindlich auch die Opernwelt ist. Andererseits würde ich in den Worten von Manuel Brug nicht per se sofort Bodyshaming vermuten.

Was bleibt…

“Dicke Luft bei den Salzburger Festspielen” titelt eine Zeitung, die über die Vorkommnisse berichtet. Ob das Bodyshaming ist oder einfach nur ein Wortspiel mit Klischees, gut ist es so oder so nicht. Dabei stelle ich einmal wieder fest, was Worte so alles bewirken können. Während für die einen das Wort “dick” einfach einen Zustand beschreibt, eine Tatsache (mich mit eingeschlossen übrigens), ist es für die anderen eine ultimative Beleidigung. So spielt einmal wieder die Bedeutung, die wir Worten geben eine wichtige Rolle.
Allerdings zeigt die Diskussion auch eines: das Thema Bodyshaming wird uns noch länger beschäftigen, denn es wird gerade erst begonnen aufzuzeigen, wie alltäglich dieser Missstand leider ist.
Hier findet ihr mehr Infos zum Thema: