Wenn Superfood gar nicht so super ist, ein Artikel von Rhea Krčmářová.

Grünkohl, Quinoa, Müsli und Co. Glaubt man den Medien, macht ein Gang in die Gemüse- und Körnerabteilung des Supermarkts jung, schön und quasi unverwundbar. Aber nicht allen Menschen tut Superfood auch super gut.

Petra hat ein Problem. Sie will ihrem Körper etwas Gutes tun, koste es, was es wolle. Der allerdings weigert sich, mitzumachen.

Begonnen hat alles auf der Silvesterparty in Wien, wo Petras Freundeskreis, zugegebenermaßen nicht mehr ganz nüchtern, auf die lieben Neujahrsvorsätze zu sprechen kam. Gesünder leben, hatte Petra geseufzt, und an ihrem mit Gulasch und (von Weihnachten übrig gebliebenen) Keksen prall gefüllten Bäuchlein herumgetapscht. Ein paar Kilo müssten runter, und die Ernährung könnte überhaupt besser sein.

Der Vorsatz

Mit schlechten Gewissen hatte sie an all die Pizzaschnitten der letzen Monate gedacht, die Krapfen in der Mittagspause und die Burger am Heimweg, an all den Abenden, an denen sie einfach zu müde zum Kochen war. Aber 2018 würde besser werden, hatte sie sich vorgenommen, und am Neujahrstag, noch etwas verkatert, zum Thema Superfood zu recherchieren begonnen.

Seitdem türmten sich in Petras Wiener Küche Tüten mit Chia-Samen und Bio-Müsli, in ihrem Brotkasten wartet ein Vollkornbrot mit Leinsamenbestreuung, dessen Preis Petra fast einen Herzanfall eingebracht hätte, und ihr Kühlschrank sieht vor lauter Obst und Gemüse aus, als wäre sie in einer Bio-Gärtnerei eingebrochen. Lauter Superfood also, und laut diverser Health-Blogger auch supergesund.

Supefood_Lizza

Motivation

Blöd nur, dass Petra sich zwar diszipliniert an ihren neuen Ernährungsplan hält, sich aber nicht unbedingt besser fühlt als vorher. Das Vollkornbrot liegt ihr wie ein Stein im Magen, ihre Green Smoothies (extra mit dem neuen, sauteuren Spezialmixer zubereitet) haben Petra schon ein paar Mal an den Rand einer Migräne gebracht, und wenn sie sich zwingt, Tofu-Aufstrich mit Karottenstäbchen zu essen, hat sie solche Sehnsucht nach einem Schmalzbrot, dass es ihr fast die Tränen in die Augen treibt.

Dabei gibt sie sich solche Mühe, sich zu motivieren. Serviert, wie in Internetforen geraten, den Smoothie gut gekühlt und in ihren hübschesten Bleikristallgläsern. Arrangiert Getreidebrei und Beeren so appetitlich wie auf den Fotos auf Instagram. Und trotzdem bekommt sie die Wellnessmahlzeiten kaum herunter. Nach dem Essen sitzt Petra dann mit grummelndem Magen am Sofa, und scrollt durch ihren Instagramfeed.

Dort tummeln sich – als Durchhaltemotivation und Inspiration– gertenschlanke, kaum der Pubertät entwachsene blonde Elfchen in Yogakleidung, die mit traumverschleierten Blick auf ihre Superfood-Smoothies starren oder sich mit einem Ausdruck der Ekstase Waldbeer-Walnuss-Chiasamen-Pudding (natürlich low fat und 100% zuckerfrei) in die üppigen Schmollmünder schieben. Was ist nur los mit mir, denkt Petra. Warum kann ich nicht so sein wie sie?

Kein Einzelschicksal

Petra steht nicht alleine da. Immer mehr Menschen stellen fest, dass sie sich zwar gesund ernähren wollen, aber eines bis mehrere der von diversen Medien fast schon hysterisch angepriesenen Super-Lebensmittel nicht wirklich vertragen. Überraschend ist das allerdings nicht. Die Fachwelt ist sich in Sachen Smoothie, Tofu und Co nämlich nicht ganz so einig, wie Gesundheitsapostel aller Art es gerne hätten.

Superfood Kritiker

Einer der Kritiker des aktuellen Hypes ist der deutsche Lebensmittelchemiker Udo Pollmer. Seine teils nicht unpolemisch geschriebenen Texte machen den 61-jährigen zum erklärten Lieblingsfeind diverser Food-Gurus und Veganer aus Leidenschaft– auch, weil er den oft fast schon religiösen Glaubenssätzen der Gesundheitsjünger wissenschaftliche Argumente entgegensetzt.

Pollmers Hauptkritik an den Trendlebensmitteln: viel Hype, wenig dahinter. Chia-Samen zum Beispiel, die aktuell aus kaum einem Bio-Müsli wegzudenken sind, bezeichnet er in einem Artikel auf deutschlandradiokultur.de als „Vogelfutter“, dass in den letzen 500 Jahren zu Recht in Vergessenheit war.

Seine Wiederauferstehung verdankten die Samen Experimenten der Futtermittelindustrie. Nachdem sich Chiasamen aber nicht wirklich durchsetzen konnten, weil die mit ihnen gefütterten Hühner zu kleine Eier legten, habe man sie Menschen schmackhaft zu machen.

Ob das eine gute Idee war, daran zweifelt Pollmer. Die Samen binden nämlich ausgesprochen viel Wasser und können so bei manchen Menschen zu ziemlichen Verdauungsproblemen führen.

Superfood_Sojabohne

Superfood Sojabohne

Noch eine Futterpflanze hat laut Pollmer Karriere als Superfood gemacht: die Sojabohne. Die sei mitnichten der Rohstoff für die „Milch Asiens“, zu der sie von amerikanischen und europäischen Medien gemacht werde, sondern eine Giftpflanze, die zuerst als Rohstoff für diverse industrielle Produkte genutzt wurde, dann als Dünger und, stark bearbeitet, als Schweinefutter.

Erst als der Preis des Schweinfleisches zu sinken begann, so Pollmer, sei man auf den Gedanken gekommen, die Bohnen den Menschen unterzujubeln. Wirklich gesund sei das laut Pollmer nicht. Die Sojabohne enthalte unter anderen jede Menge Sexualhormone, die den menschlichen Immun- und Hormonhaushalt ganz schön durcheinander bringen können. Kein Wunder, dass die Sojaallergien zunehmen.

Wenn Superfood gar nicht so super ist

Mit Säften aus püriertem Obst und Gemüse kann Pollmer übrigens auch nur wenig anfangen, vor allem, wenn sie aus Zutaten wie Radieschenlaub, Brennnesseln oder Karottenkraut hergestellt werden.

Rohe Blattgemüse seien eine wichtigste Ursache von Lebensmittelvergiftungen, sagt er, und viele der rohen Blätter, die in den Säften landen, Oxalsäure enthalten, könnten die gründen Drinks auf Dauer zu Nierenschäden führen.

Den Grund für diverse Unverträglichkeiten sieht Pollmer in der menschlichen Entwicklungsgeschichte. Schließlich hätten wir uns zu Coctivoren entwickelt, also zu Lebewesen, der seine Nahrung durch diverse Zubereitungsarten essbar und gut verdaulich macht.

……den zweiten Teil des Artikels findet ihr am kommenden Sonntag, 25.3., hier auf Curvect.

 

Über die Autorin:

Rhea Krcmarova persönlich © Margit
Marnul

Rhea Krčmářová (Krtsch-mar-scho-wa) wurde in Prag geboren und emigrierte mit ihrer Familie aus der ČSSR nach Österreich. Nach fünf Jahren als Staatenlose erhielt sie die österreichische Staatsbürgerschaft. Sie studierte u.a. Theaterwissenschaften, Gesang, Schauspiel und ist Absolventin des Instituts für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Ihre Texte wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, u.a.: Literaturpreis Wartholz (Land NÖ). Sie veröffentlichte in diversen Anthologien, schreibt Theatertexte, Libretti, Essays und Lyrik und experimentiert mit transmedialer Kunst und Buchkunst. Ihr erster Roman “Venus in echt”  erschien 2013 im Verlag edition a, Wien. Im Fokus steht dabei die dicke Protagonistin Romy Morgenstern.