Dicke Menschen sind divers in ihren Körpern, in ihrem Denken und politischen Einstellungen, sie sind keine schlanken Menschen mit Röllchen. Dicke Menschen sind KEIN KOSTÜM wie es Barbara Schöneberger in einem Fatsuit steckend unlängst auf dem Cover ihres gleichnamigen Magazins suggeriert hat.

Dicke Menschen möchten nicht wie Karikaturen behandelt werden. Was dicke Menschen wirklich brauchen: Dicke Menschen brauchen EIN KOSTÜM! Und zwar gleich mehrere, die „Boom“ und „Brzzzzzzl“ machen wie der Auftritt der Schauspielerin Laverne Cox für 11 Honoré, ein Plus-Size High-Fashion Onlinevertrieb, auf der diesjährigen New York Fashion Week gezeigt hat.

Während fette, interessante, Prêt-à-porter-Mode bereits einen Großteil der KundInnen erreicht hat, ist es in der Haute Couture und Galamode noch längstens nicht angekommen. Dies hat verschiedene Gründe: Ein Nichtvorhanden sein von High-Fashion in großen und noch größeren Größen, Trauma und Geld.

Warum Fette auf den Laufstegen nicht zu sehen sind und ich Aenne Burda mag

Immer wieder besuche ich, eine dicke Person, zwar Modefestivals, die mit Diversity werben wie beispielsweise das zeitgenössische Takefestival in Wien, das an der Schnittstelle von Kunst und Design agiert und absolut besuchenswert ist, aber mehr als ernste genderfluide Gesichter und die ein oder andere Person of Color, habe ich bisher doch nicht auf den Laufstegen gesehen.

Das dicke Modell ist, wenn überhaupt, im Publikum zu finden. Selbst da hat es laut der Modekritikerin Zaihani Mohd Rain wenig zu suchen, denn Menschen mit mehr als 60kg nehmen laut ihres Facebookposts vom April 2018 zu viel Platz ein. Mit dieser negativen Einstellung wundert es nicht, dass Modedesignstudierende den Plus-Size-Markt als zu politisch wahrnehmen und nicht als lukrativ, um mehr Menschen einzukleiden.

Bei einer Podiumsdiskussion über „Die Modebranche im (radikalen) Wandel“ des Takefestivals im Jahr 2016 wurde nämlich darauf hingewiesen, dass sich Designstudierende am Anfang ihres Studiums durchaus Nischenmärkte zutrauen. Wenn es aber um die Jobsuche im „richtigen Leben“ geht, kehren sie doch zu Altbekanntem und den großen „unpolitischen“ Absatzmärkten zurück. Mit einer weiblichen Durchschnittsgröße von 42 und größer bleibt die Frage offen, warum Plus-Size noch immer als Nische angesehen wird und nicht als profitabler Mainstream.

Ich vermisse hier die Visionen einer Aenne Burda, die es vielen Frauen bis heute ermöglicht, Mode bis Größe 52 selbst zu nähen. Darüber hinaus hat sie im Jahr 1952 veranlasst, Maße an einer hohen Anzahl von Frauen abzunehmen, und damit nicht nur Kleidergrößen, sondern auch Schnittmuster für die Masse erst in Deutschland, dann über die Grenzen hinaus eingeführt.

Warum „Übergröße“ in der Mode ein hochpolitischer und tabuisierter Bereich ist

Während Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen in der Mode schon lange angekommen ist und einen zum Glück immer wichtigeren Platz einnehmen, wird oft darauf vergessen, dass es Menschen gibt, die überhaupt keine Wahl haben über Nachhaltigkeit oder Trend zu entscheiden. Sie greifen schlichtweg zu der Mode, die in ihrer Größe verfügbar ist – und fühlen sich leider häufig echt schlimm angezogen.

Auch wenn sich manche Menschen einfach nicht für Mode interessieren, sollte dies nicht aus einem Mangel an Entscheidung und Sichtbarkeit herrühren und in Folge ein Gefühl produzieren, sich weniger als Mensch zu fühlen. Straight Size-Modeketten produzieren nicht größer, nicht zwingend, weil sie es nicht könnten, ihnen die finanziellen Mittel oder DesignerInnen fehlten, die sich mit innovativen Schnittmustern auseinandersetzten – sie produzieren nicht größer, weil ÜBERGRÖSSE ein hochpolitischer tabuisierter Bereich ist.

Viele Firmen produzieren nicht größer und unterstützen keine Plus Size-Events, weil sie schlichtweg Angst vor schlechter Publicity haben und nicht mit dicken Menschen assoziiert werden möchten. Auch befürchten sie, dass ihnen die schlanken wohlhabenden KundInnen fernbleiben, denn welche schlanke gut situierte KundIn möchte schon einen fetten – ich meine, einen richtig fetten – Counterpart im selben Kleidungsstück auf derselben Veranstaltung sehen. (High) Fashion unterliegt einer „natürlichen“ Selektion, die eigentlich von Vornherein die Spreu vom Weizen trennen sollte.

Dies bestätigt auch das Streetwearlabel Abercrombie & Fitch, namentlich der damalige CEO Mike Jeffries, der 2013 daraus keinen Hehl gemacht hat. Jeffries meinte, dass er nur schlanke und schöne Menschen in seinen Läden sehen möchte, denn in seinen Klamotten sollten sich seinen KundInnen fühlen wie die „Cool Kids“.

„Once you see the problem (that the plus-size customer faces) you can’t un-see it.“ – Edward Slezak von Pari Passu

Fairnesshalber muss man allerdings sagen, dass ich in persönlichen Gesprächen mit, um nur zwei zu nennen, österreichischen ModedesignerInnen wie Valerie Lange oder Mark Baigent die Brisanz und Wichtigkeit Gehör finden und diese hoffentlich in Zukunft vermehrt in deren Kollektionen und Lookbooks zu finden sind.

Die US-amerikanische Firma Pari Passu geht mit ihrem Slogan „One shape does not fit all“ sogar noch einen entscheidenden Schritt weiter und schneidert nicht nur nach Größe, sondern nach Form. In einem Interview mit der Fettaktivistin und Autorin Virgie Tovar erklären Shanna Goldstone und Edward Slezak ausführlich wie sie nach langer Analyse von 3D-Modellen (ab Kleidergröße 44) drei verschiedene Shapes konfigurieren konnten.

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Applaus für die, die es wagen Adipositas zu unterstützen

Firmen wie 11 Honoré und Pari Passu, die Plus Size Fashion etablieren, gebührt Applaus. Aber gehen sie weit genug? Wenn ich mir nämlich das Catwalk-Video von 11 Honoré auf der New York Fashion Week anschaue, sehe ich am Laufsteg wieder und wieder Models mit hohen Schuhen, die für die meisten nicht nur dicken Menschen nicht tragbar sind. Was ist denn mit den coolen Flats, den heißen Plateaus und den abgefahrenen Blockabsätzen in Wide Width?

Von der passenden Unterwäsche ganz zu schweigen. Die Größen gehen auch bei 11 Honoré nur bis zu einer soliden Kleidergröße 48 hinauf, ab 50/52 wird die Luft dann schon sehr dünn und darüber hinaus sucht man vergeblich. Das Argument, dass über einer Größe 48 die Produktion aufgrund von Angebot und Nachfrage zu teuer wäre, glaube ich nur so halb.

Fettleibigkeit zu promoten wirft einfach kein gutes Licht auf ein Unternehmen, erst recht nicht, wenn die „Kurven“ nicht an der richtigen Stelle sitzen oder gesundheitsgefährdend zu ausufernd sind. Denn wer nicht nur groß, sondern größer produziert, der gefährdet unweigerlich eine Volkswirtschaft und natürlich das Gesundheitssystem. Ironie aus.

Diskriminierende Unterbezahlung und Selbststigmatisierung

Wenn sehr dicke Models wie Tess Holliday auf dem Hochglanzmagazin „Cosmopolitan“ in den USA im Herbst 2018 abgedruckt werden, und das ist rar, gibt es einen riesigen Aufschrei als würde man „You name the evil” unterstützen. Dicke Menschen auf Covern wären so wichtig, nicht nur um den dicken KundInnen zu zeigen, wie (Abend)garderobe an ihnen nicht nur gut aussieht, sondern dass diese auch käuflich zu erwerben ist. Doch die Problematik ist komplexer.

Apropos käuflich: den sogenannten Paygap gibt es nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern ebenso zwischen dicken und schlanke Menschen. Laut einer U.S. Studie “The affective and interpersonal consequences of obesity,“ die in Science Direct veröffentlicht wurde, fanden ForscherInnen heraus, dass 45% der ArbeitgeberInnen weniger geneigt waren, eineN BewerberIn einzustellen, der/die als adipös klassifiziert ist.

Des Weiteren haben dicke Menschen niedrigere Einstiegsgehälter und ihnen werden weniger Führungsqualitäten zugetraut. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die britische Studie „ORE Open Research Exeter: Height, body mass index, and socioeconomic status: mendelian randomisation study in UK Bioban“. Das heißt, dass sich statistisch gesehen ein fetter Mensch nur weniger teure Mode, sprich DesignerInnenmode, leisten können wird. Selbst wenn Geld und Möglichkeit vorhanden wären: Wer sein Leben lang suggeriert bekommt, dass der eigene Körper eine bessere Version verdient hätte, der möchte ungern diesen ungewünschten Körper kleiden.

Ungewünschte und traumatisierte Körper sollen nämlich lieber unsichtbar gemacht oder wenigstens der Makel gesellschaftskonform kaschiert werden. Welcher seelisch geprügelte Fette, der sich zu viele Jahre in zu enge Kleidung gezwängt hat, mag schon in einem prachtvollem Outfit das Parkett betreten, das unter Umständen dazu führen könnte, im Mittelpunkt zu stehen. Stellen Sie sich doch einmal genau diese Person vor, gekleidet in einem prächtigen Outfit, ausgestattet mit bequemen, stylischen, breiten Schuhen, die die Straße entlang spaziert als wäre diese der Laufsteg des Lebens. Ein Mensch, der es wagt, seinen wohlverdienten Platz einzunehmen.

„This is a movement, not a moment.“

„This is a movement, not a moment“, steht in großen Lettern auf der Webseite von 11 Honoré geschrieben. Der Slogan von Patrick Herning ist kraftvoll und kämpferisch, er impliziert Durchhaltevermögen, das man bei polarisierenden Themen rund ums Dicksein besonders braucht. Während Herning eher einen nicht erschlossenen Markt im Augenschein hat, räsoniert seine Aussage bei mir mehr sozialpolitisch.

Wurde Body Positivity in den letzten Jahren oberflächlich als Trend gehypt, so werden Stimmen laut, die darin auch ideologisierende Bigotterie vermuten. Auch ich als Aktivistin lebe mit diesen Widersprüchen, aber ohne Stellungnahme keinen Standpunkt und ohne Standpunkt keine Diskussion.

Selbst wenn ich die ein oder andere Ideologisierung des Body-Positivity-Movements kritisch beäuge wie zum Beispiel das Dilemma durch meinen Standpunkt eben doch die Freiheit der anderen über den eigenen Körper zu entscheiden, weiß ich trotzdem, dass am Ende des Tages die Lügen einer weltweit fast 400 Milliarden schweren Abnehmindustrie destruktiver und bewusst manipulativer ist als es ungeklärte Fragen und Widersprüche der Bewegung je sein könnten.

Die Body-Positivity-Bewegung nach 60 Jahren erst am Anfang

Der in der Mode geprägte Begriff „Plus-Size“, zu deutsch Übergröße, ist nicht gleich Body Positivity und bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich Menschen mit sozialpolitischen Komponenten auseinandersetzen. Ganz im Gegenteil, Selbststigmatisierung funktioniert fabelhaft unter dicken Leuten – besonders im Modebereich, in dem ein normierter Schönheitsbegriff und Jugendlichkeit noch immer an erster Stelle stehen.

Deshalb sollten wir nicht vergessen, woher der Begriff „Body Positivity“ eigentlich kommt – nämlich als terminologische Fortführung der US-amerikanischen Fettaktivismusbewegung der 1960er Jahre. Er ist eine Weiterführung, ALLE Körper zu inkludieren und nicht die Fortführung um dem 97ten Lifestylechange einen bunteren Anstrich zu verleihen. Hier geht es um mehr als einen Stoff, der fließend meinen Körper umschmeichelt, Body Positivity ist eine politische Forderung.

Und Mode ohne diese politische Forderung funktioniert nicht, solange mir der Zugang zu passender, interessanter und auch nachhaltiger Kleidung verwehrt bleibt. Deswegen wünsche ich mir mehr mutige Menschen in der (vor allem Straight-Size) Modeindustrie.

Mehr Geld für Fette, damit diese sich DesignerInnenmode leisten können und in dieser die U-Bahnen und Abendveranstaltungen dieser Welt rocken. – Lasst also die Einzelkämpferinnen zur nächst größeren Einheit einer Bewegung mit Verbündeten zusammenschließen, um gesellschaftliche und auch modische Veränderungen möglich zu machen.

Obschon die Anfänge dieser Bewegung Jahrzehnte in der Vergangenheit liegen:

„If it is a movement, it is still at its beginning.“

 

Zur Autorin Veronika Merklein

(c)Veronika Merklein, Foto: Rebecca Memoli

Bildende Künstlerin, Performancekünstlerin, Aktivistin, Expertin. Die 1982 in Deutschland geborene Künstlerin Veronika Merklein lebt und arbeitet hauptsächlich in Wien (AT). Sie arbeitet in verschiedenen Medien (Performance, Essen, Text, Fotografie, Objekt, Installation, Gemeinschaftsarbeiten) mit dem Schwerpunkt Performancekunst. Body- & Foodpolitics bestimmen aktuell ihr Werk.